Ist euer Traum vom Eigentum geplatzt?

Vor zehn Jahren galt der Wohnungskauf noch als ziemlich berechenbare Lebensentscheidung: Eigenkapital ansparen, Kredit aufnehmen, zurückzahlen, fertig. Heute klingt derselbe Plan für viele eher wie ein Excel-Märchen mit offenem Ende. In Wien liegt der Anteil der Eigentümerhaushalte bei rund 20 bis 25 Prozent, je nach Zählweise deutlich unter dem EU-Schnitt. Eigentum ist also nicht nur teuer geworden, es bleibt für viele schlicht außer Reichweite.

Der Preis allein erklärt das Problem aber nicht. In Österreich sind die Wohnimmobilienpreise seit 2010 laut Eurostat bis 2022 stark gestiegen; nach dem Zinsanstieg 2022/23 wurde der Erwerb für Kreditnehmer zusätzlich ungemütlich. Ein Kredit über 300.000 Euro kostet bei deutlich höheren Zinsen schnell Hunderte Euro pro Monat mehr als in der Nullzinsphase. Das ist kein Detail, sondern der Unterschied zwischen machbar und unmöglich. Die hübsche Erzählung vom Eigentum als sicherem Aufstiegspfad scheitert also nicht an Faulheit, sondern oft an Mathematik.

Gerade aus unternehmerischer Sicht ist daran etwas Unbequemes zu sehen: Viele Menschen verwechseln Eigentum mit Sicherheit, obwohl es in der Praxis oft nur eine Wette auf zwei Dinge ist – stabile Einkommen und stabile Immobilienpreise. Beides ist unsicherer geworden. Wer selbstständig ist, in einer Branche mit schwankenden Aufträgen arbeitet oder erst spät in der Karriere gutes Geld verdient, bekommt ein Problem, das Banken sehr zuverlässig in drei Buchstaben übersetzen: zu viel Risiko. Eigentum wird dann nicht zur Belohnung, sondern zur Eintrittsprüfung.

Es gibt allerdings eine Gegenposition, die man fair nehmen muss. Mieten bedeutet dauerhaft zahlen, ohne Vermögen aufzubauen; Eigentum schützt im Alter vor steigenden Mieten und bietet mehr Kontrolle. Das ist nicht falsch. Nur wird daraus oft ein Dogma gemacht, das die Lebensrealität vieler Haushalte ignoriert. Wer wegen hoher Kaufpreise in einer kleinen, teuren Wohnung kauft, kauft nicht automatisch Freiheit. Man kauft häufig Bindung, Reparaturen, Zinsrisiko und wenig Beweglichkeit dazu. Das klingt weniger romantisch, ist aber oft ehrlicher.

Eine weniger offensichtliche Einsicht ist: Für viele Haushalte ist Nicht-Kaufen heute nicht nur ein Notbehelf, sondern ökonomisch vernünftig. Wer sein Eigenkapital stattdessen breit anlegt, bleibt flexibler – beruflich wie regional. Gerade in einem Arbeitsmarkt, in dem Wechsel, Weiterbildung und Ortswechsel wichtiger werden, kann Mieten ein strategischer Vorteil sein. Eigentum ist dann kein Beweis von Vernunft, sondern manchmal ein teurer Anker. Das sagt sich leichter, wenn man nicht jeden Samstag in Baumarkt und Finanzierungsvergleich gleichzeitig versinkt.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Eigentum grundsätzlich gut oder schlecht ist. Sondern: Für wen, zu welchem Preis und mit welchem Risiko? In einem Markt, in dem Kaufpreise, Nebenkosten und Finanzierungshürden steigen, ist der Traum vom Eigentum für viele nicht gescheitert, sondern entzaubert worden. Und vielleicht ist das die ehrlichere Nachricht: Nicht jeder muss Eigentümer werden, nur weil es früher als Normalfall galt. Wer Menschen heute noch einredet, Mieten sei bloß ein Übergang bis zum Kauf, verkauft eine alte Gewissheit als moderne Strategie. Das ist bequem – aber eben auch ziemlich teuer.

Die unbequeme Konsequenz ist einfach: Wohnpolitik sollte nicht mehr so tun, als wäre Eigentum der natürliche Endpunkt jedes vernünftigen Lebens. Für viele ist es längst ein Luxusgut geworden. Und wer das nicht akzeptiert, verteidigt eher ein historisches Ideal als eine realistische Wohnungspolitik.

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