Wenn die Presseweste zur Zielscheibe wird

In vielen Kriegen war die Presseweste einmal ein simples Signal: Nicht schießen, hier ist Journalismus. Heute ist sie in manchen Konflikten fast das Gegenteil: ein gut sichtbares Etikett. Wer sie trägt, macht sich nicht unsichtbarer, sondern auffälliger. Das ist keine poetische Übertreibung, sondern eine nüchterne Entwicklung aus einer raueren Medienrealität.

Die Datenlage dazu ist unangenehm klar. Das Committee to Protect Journalists dokumentierte 2023 mindestens 99 getötete Journalistinnen und Journalisten weltweit – der höchste Stand seit Beginn der Erhebungen 1992. Ein großer Teil dieser Toten starb im Gaza-Krieg; dort ist die genaue Zuordnung einzelner Fälle im laufenden Konflikt schwierig, aber die Größenordnung zeigt bereits, wie stark sich journalistische Arbeit in offene Lebensgefahr verschoben hat. Die UNESCO zählt seit 2006 mehrere hundert getötete Medienschaffende, und noch ernüchternder ist: In den meisten Fällen bleiben die Täter ungestraft. Das ist der eigentliche Skandal. Nicht nur der Angriff selbst, sondern die verlässliche Straflosigkeit danach.

Wer jetzt reflexhaft sagt, Journalismus sei eben schon immer riskant gewesen, unterschätzt den Wandel. Früher schützte die Presseweste vor allem vor Verwechslung. Heute kann sie in autoritären oder militarisierten Kontexten als Markierung dienen: Da ist jemand, der dokumentiert, benennt, veröffentlicht. Und genau das macht ihn oder sie für Akteure gefährlich, die Kontrolle lieber mit Angst als mit Argumenten sichern. Die Weste sagt dann nicht mehr: neutral. Sie sagt: unbequem.

Hinzu kommt eine zweite Front, die lange unterschätzt wurde: digitaler Hass. Er ist nicht bloß ein rauer Ton im Netz, sondern oft ein Vorlauf physischer Bedrohung. Reporterinnen, die über organisierte Kriminalität, rechte Netzwerke oder sexuelle Gewalt berichten, bekommen nicht nur beleidigende Kommentare, sondern Doxxing, koordinierte Kampagnen und Drohungen gegen Familienmitglieder. Das Ziel ist fast nie Debatte. Das Ziel ist Erschöpfung. Wer sich permanent verteidigen muss, recherchiert langsamer, vorsichtiger oder gar nicht mehr. Das ist billig für die Täter und teuer für die Öffentlichkeit.

Ein dritter, weniger sichtbarer Hebel ist die juristische Einschüchterung. SLAPP-Klagen – also strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung – sollen nicht unbedingt gewonnen werden. Sie sollen Zeit, Geld und Nerven verbrennen. Das European Centre for Press and Media Freedom und andere Organisationen dokumentieren seit Jahren, wie häufig solche Verfahren besonders gegen investigative Medien eingesetzt werden. Auch hier wirkt das System: Nicht weil ein Bericht falsch wäre, sondern weil eine Redaktion nicht beliebig viele Jahre und Anwälte hat. Rechtsstaatlichkeit kann missbraucht werden, ohne dass dafür ein einziger Paragraph laut und dramatisch verletzt werden muss. Bürokratie als Faust im Anzug.

Es wäre allerdings zu einfach, allein von einem Angriff auf die Pressefreiheit zu sprechen, als hätten alle Konfliktparteien dieselbe Absicht und dieselben Mittel. Eine faire Gegenposition lautet: In echten Kriegsgebieten ist jede sichtbare Kennzeichnung ein Risiko, nicht nur die Presseweste. Soldaten, Milizen und Sicherheitskräfte handeln oft in Chaos, Zeitdruck und Angst. Die Forderung nach klarer Identifikation bleibt deshalb grundsätzlich sinnvoll, denn ohne Sichtbarkeit gäbe es kaum Schutz, keine Dokumentation und keine Möglichkeit, sich im Feld als Presse auszuweisen. Auch viele lokale Journalistinnen und Journalisten sagen genau das: Ohne Kennzeichnung wären sie für Checkpoints, Helfer oder internationale Akteure noch schwerer erkennbar.

Und doch bleibt der blinde Fleck dieser Position: Sichtbarkeit ist nur dann Schutz, wenn sie respektiert wird. Genau daran fehlt es zunehmend. Das ist der unbequeme Befund. Die Presseweste funktioniert nicht deshalb schlechter, weil Journalisten sie falsch tragen, sondern weil immer mehr Akteure keinen Wert mehr auf die Regeln legen, auf denen ihr Schutz beruhte. Das betrifft nicht nur bewaffnete Gruppen. Es betrifft auch Staaten, die Informationen kriminalisieren, und Plattformen, die Hass billig skalieren, weil Aufmerksamkeit Geld bringt. Die Sicherheitsfrage ist deshalb kein Randthema des Journalismus, sondern ein Gradmesser für den Zustand der Öffentlichkeit.

Eine wenig beachtete Einsicht ist dabei besonders wichtig: Für viele Redaktionen ist Sicherheit immer noch ein individuelles Problem, als müssten Reporter einfach besser geschult, besser ausgerüstet und besser versichert sein. Das ist zwar notwendig, aber zu klein gedacht. Wer Journalismus nur als persönliche Risikomanagement-Aufgabe behandelt, akzeptiert stillschweigend, dass der öffentliche Raum feindlicher wird. Dann wird aus Schutz eine Privatsache. Genau dort beginnt der Abbau von Pressefreiheit oft sehr leise.

Die Konsequenz ist unbequem, aber logisch: Es reicht nicht, Reporterinnen mit Westen, Helmen und Sicherheitstrainings auszustatten, wenn Staaten, Plattformen und Konfliktparteien ihre Attacken gegen Berichterstattung weitgehend folgenlos halten. Die Presseweste darf kein Symbol für den Rückzug der Öffentlichkeit sein. Wenn sie immer öfter zur Zielscheibe wird, dann ist nicht der Journalismus das Problem, sondern eine Ordnung, die Wahrheit sichtbar sein lässt, aber ihre Verteidiger allein. Und das ist, leicht zugespitzt, eine ziemlich schlechte Idee für alle, die später noch wissen wollen, was tatsächlich passiert ist.

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