Zwischen zwei Beziehungen: Wann „Monkey Branching“ ehrlich ist – und wann es feige wird

Es gibt Menschen, die verlassen eine Beziehung nicht, bevor die nächste schon warm läuft. Praktisch, effizient, emotional oft erstaunlich unromantisch. In der Poppsychologie heißt das inzwischen Monkey Branching: erst loslassen, wenn der nächste Ast fest umklammert ist. Der Begriff klingt nach Dating-Dschungel, beschreibt aber ein sehr modernes Muster – und eines, das unangenehme Fragen stellt.

Verwerflich ist daran nicht automatisch der schnelle Übergang. Wer sich trennt, darf neu anfangen. Niemand schuldet Trauer im Zeitlupentempo oder monatelange Askese als Beweis moralischer Reife. Aber genau hier beginnt der blinde Fleck: Ein nahtloser Wechsel ist nicht dasselbe wie ein ehrlicher Übergang. Wer aus Angst vor dem Alleinsein, aus Bequemlichkeit oder aus Opportunismus schon vor der Trennung Ersatz organisiert, behandelt Beziehungen wie Sicherheitsnetze mit Personalisierung. Das ist nicht Freiheitsliebe, das ist Risikoauslagerung.

Dass Beziehungen lange dauern, ist ohnehin eher Ausnahme als Norm. In Deutschland wurden 2023 laut Statistischem Bundesamt 129.000 Ehen geschieden; die Scheidungsziffer lag bei 35,7 Scheidungen je 100 Eheschließungen desselben Jahres. Das sagt noch nichts über Gefühle, aber viel über die Realität: Partnerschaften scheitern, Menschen trennen sich, und nicht jeder Bruch ist eine Tragödie mit Abschiedsbrief. Trotzdem bleibt die Frage, wie man sich trennt. Denn wer emotional schon umschwenkt, bevor die alte Beziehung sauber beendet ist, hinterlässt oft nicht nur verletzte Ex-Partner, sondern auch ein Muster für die Zukunft.

Die Psychotherapeutin Dominique Torres beschreibt genau das als Problem, wenn das Verhalten zur dauerhaften Vermeidung wird: nicht die neue Beziehung ist das Kernproblem, sondern die Unfähigkeit, Einsamkeit, Schuld oder Unsicherheit auszuhalten. Psychologisch ist das plausibel. Untersuchungen zu Bindung und Beziehungszufriedenheit zeigen seit Langem: Menschen mit höherer Bindungsangst oder stärkerer Vermeidung neigen eher dazu, Nähe zu nutzen, ohne Verletzlichkeit wirklich zuzulassen. Wer immer sofort ersetzt, übt sich selten im aushaltenden Ende. Und das Ende ist nun einmal Teil jeder Beziehung, auch wenn die Dating-Apps gern so tun, als ließe sich ein emotionales Abonnement jederzeit kündigen.

Die Gegenposition ist aber ebenfalls ernst zu nehmen. Serieller Beziehungswechsel kann auch Ausdruck von Lernfähigkeit sein. Manche Menschen bleiben nicht aus Feigheit kurz in der Leere, sondern weil sie nach einer Trennung schnell merken, was sie wollen. Andere kommen aus Beziehungen, in denen das Alleinsein ökonomisch, sozial oder psychisch schwerer wiegt als das schnelle Weitergehen. Vor allem für Frauen, die noch immer überdurchschnittlich oft unbezahlte Sorgearbeit tragen, oder für Menschen in prekären Lebenslagen ist nimm dir doch einfach Zeit für dich ein ziemlich wohlstandsverwöhnter Rat. Nicht jede schnelle neue Bindung ist ein moralisches Defizit. Manchmal ist sie ein pragmatischer Versuch, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.

Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob jemand direkt nach einer Trennung wieder datet. Die Frage ist, ob die alte Beziehung wirklich beendet war, bevor die neue begann. Wer Gefühle parallel verwaltet, schuldet dem anderen meist keine perfekte Treue, aber zumindest Klarheit. Sonst wird aus Freiheit ein Umgehungsmanöver. Und langfristig rächt sich das: Menschen, die Trennungen nie wirklich verarbeiten, tragen ihre offenen Rechnungen in die nächste Beziehung mit. Das sieht dann außen nach Neuanfang aus und innen oft nur nach Recycling.

Verwerflich ist Monkey Branching also nicht, weil jemand schnell weitermacht. Verwerflich wird es dort, wo Bindung nur noch als Übergangsarchitektur dient. Wer nie allein sein kann, wählt nicht unbedingt liebevoller, sondern meist nur früher die nächste Ausrede.

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