Körperliche Gewalt als solche kennt jeder. Dass auch psychische Gewalt Gewalt ist, versteht mittlerweile auch mehr Menschen. „Aber es gibt viele Arten von psychischer Gewalt, die man erst lernen muss zu erkennen“, erklärte der Volksanwalt Bernhard Achitz beim Fachforum „Hinschauen statt Wegsehen: Gewalt gegen Frauen und Mädchen erkennen, ansprechen und verhindern – Verantwortung übernehmen im Gesundheits- und Sozialbereich“. Das Fachforum fand kurz vor dem Internationalen Frauentag statt. Die Volksanwaltschaft und die Stiftung Forum Verfassung starteten damit ein neues Format, das an die Ringvorlesung „Eine von fünf“ anknüpft, die in den letzten Jahren von der MedUni Wien angeboten wurde. Am 27. Februar kamen Studierende aus Sozialarbeit und anderen sozialen Berufen sowie Menschen aus der Gesellschaft ins Veranstaltungszentrum des Verfassungsgerichtshofes (VfGH).
Volksanwältin Gaby Schwarz ergänzte: „Eine von drei Frauen in Österreich erleidet in ihrem Leben männliche Gewalt. Das fängt an mit Herabwürdigungen, Sexismus und Kontrolle, wird durch körperliche Gewalt schlimmer und kann im schlimmsten Fall in einem Femizid enden.“ Sie betonte, wie wichtig es ist, mutig zu sein und „Hinschauen statt Wegsehen“ zu leben. Frauen sollen Hilfe bekommen, Männer Grenzen aufgezeigt werden. Das ist nicht leicht, aber man kann es lernen. Sie verwies auf Programme wie „StoP – Stadtteil ohne Partnergewalt“. Besonders im Gesundheits- und Sozialbereich ist es wichtig, auch die oft unsichtbaren seelischen Verletzungen wahrzunehmen: „Auch psychische Gewalt ist Gewalt. Entscheidend ist, dies zu erkennen und den betroffenen Frauen bestmögliche Unterstützung geben zu können.“ Abschließend betonte sie: „Jede Frau und jedes Mädchen hat das Recht auf ein Leben ohne Gewalt. Dafür setze ich mich als Frau, als Feministin und als Volksanwältin ein.“
Grabenwarter: VfGH arbeitet in vielen Bereichen gegen Gewalt an Frauen
„Der Verfassungsgerichtshof beschäftigt sich täglich mit Gewalt gegen Frauen in vielen Bereichen“, sagte der Präsident des VfGH, Christoph Grabenwarter. Zum Beispiel gibt der VfGH Behörden bei Betretungs- und Annäherungsverboten nach häuslicher Gewalt einen Spielraum, um einzuschätzen, wann eine Gefahr besteht. Im Asylrecht wird besonders genau geprüft, ob Frauen zum Beispiel wegen Zwangsverheiratung oder Genitalverstümmelung aus ihrem Heimatland flüchten mussten. Außerdem gibt es ein Gesetz, das vorsieht, dass Frauen in solchen Fällen von weiblichen Richterinnen befragt werden.
Schierhuber: Jede dritte Frau erlebt körperliche oder sexuelle Gewalt
Michaela Schierhuber, die Geschäftsführerin der Stiftung Forum Verfassung, erklärte, dass die Stiftung einfache Informationen zur Verfassung bieten will und vor allem junge Menschen ansprechen möchte. „Ich freue mich sehr, dass sich die Veranstaltung vor allem an Studierende richtet, die dieses Wissen in ihre zukünftige Arbeit mitnehmen.“ Sie machte deutlich, dass „jede dritte Frau in ihrem Leben von körperlicher oder sexueller Gewalt betroffen ist“ – ein ernstes Problem. Die Vortragenden kamen aus verschiedenen Bereichen, etwa Menschenrechte, Medizin, Pflege, Sozialarbeit und Prävention.
Holzleithner: Strafrecht ist nur ein Teil im Kampf gegen Gewalt
Elisabeth Holzleithner von der Universität Wien sprach über „Gewalt an Frauen als Menschenrechtsverletzung“. Sie betonte, dass Frauen neben körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt auch wirtschaftlicher Gewalt ausgesetzt sind, was wenig bekannt ist. Das private Leben wurde früher wenig hinterfragt, „Genau hinzuschauen ist aber eine Errungenschaft des Feminismus“. Gewalt zeigt oft, wie ungleich Macht verteilt ist. Deshalb braucht es neben Gesetzen auch eine Veränderung der Haltung und des Verhaltens. So steht es auch in der Istanbul-Konvention. Frauenrechte und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit müssen gestärkt werden.
Staaten müssen Schutz vor Gewalt bieten. Wenn sie das nicht tun, können Betroffene den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) anrufen, der Staaten auch verurteilt hat. Strafrecht ist wichtig, aber nur ein Teil der Lösung. Holzleithner kritisierte, dass es aktuell Rückschritte bei Gleichstellungsgsgesetzen gibt und warnte vor „ethnonationalistischen Strömungen“, die Gewalt fälschlich nur bestimmten Gruppen zuschreiben. Sie schloss mit dem Zitat von Gisèle Pelicault: „Möge die Scham die Seite wechseln!“
https://rechtsphilosophie.univie.ac.at/
Schrammel: Viele Frauen erkennen Gewalt nicht als solche
Barbara Schrammel von „Frauen* beraten Frauen*“ sagte: „Mehr als ein Drittel der Frauen, die zu uns kommen, erleben Gewalt. Viele wissen aber nicht, dass das Gewalt ist.“ Oft denken sie bei Gewalt nur an körperliche Gewalt, nicht an psychische oder institutionelle Gewalt. Erst sie und ihre Organisation machen sie darauf aufmerksam, dass Dinge wie Demütigungen, Abwertungen oder Cybergewalt auch Gewaltformen sind. Besonders oft geschieht das bei Trennungen und Scheidungen, so die Psychotherapeutin und Familienberaterin.
https://frauenberatenfrauen.at/
Nebois-Zeman: Frauen erleben häufiger Gewalt in Einrichtungen
Grainne Nebois-Zeman vom Verein VertretungsNetz kontrolliert Situationen in Pflegeheimen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Sie berichtete, dass oft unklar ist, was erlaubt ist und was Gewalt ist. Besonders Frauen werden häufiger mit Gewalt konfrontiert, z.B. wenn sie bei der Intimpflege festgehalten werden – das passiert überwiegend bei Frauen. Ein Grund kann sein, dass dafür weniger Kraft nötig ist. Durch Gesetze und Kontrollen gibt es Verbesserungen, aber es bleibt viel zu tun. Mehr Sensibilisierung und mehr Personal wären wichtig, da Zeitmangel oft Ursache für Gewalt ist.
Berzlanovich: Frauen leben länger, leiden aber auch länger
Andrea Berzlanovich, langjährige Leiterin der Ringvorlesung „Eine von fünf“, berichtete von Kontrollen in Pflegeheimen. Sie fragte immer wieder Menschen, wie lange sie auf Hilfe warten müssen. Viele sagen „Es geht eh“, doch genauer betrachtet sind es oft 30 Minuten. „Stellen Sie sich vor, Sie müssen auf die Toilette und warten so lange. Manche sagen dann, sie sollen doch in die Hose machen.“ Wegen dieser langen Wartezeit trinken viele zu wenig, was gesundheitliche Folgen hat. Da Frauen im Durchschnitt älter werden, sind sie auch länger in Pflegeheimen und leiden länger an solchen Problemen: „Frauen leben länger, aber sie leiden auch länger.“
https://www.facebook.com/andrea.berzlanovich.3/
Loeffler-Stastka: Angst erkennen, denn Angst steht oft hinter Aggression
Henriette Loeffler-Stastka von der MedUni Wien sprach über den Umgang mit Gewalt im Gesundheitswesen. Sie bildet Ärztinnen und Ärzte darin aus, Gefühle im Gesicht zu erkennen, da „50 bis 80 Prozent der Kommunikation nonverbal abläuft“. Gerade bei der zunehmenden digitalen Medizin ist es wichtig, Menschen trotz Technik gut einzuschätzen. „Wie erkennt man Angst?“ – das muss gelernt werden. „Ich hatte nie Aggression erlebt, bei der nicht auch Angst dahintersteckte.“ Das soll nicht nur in der Ausbildung, sondern auch in der Weiterbildung aller Berufsgruppen trainiert werden, etwa auch Rettungskräfte oder Feuerwehr.
„samara“: Jugendliche in Workshops stärken
Andrea Arnold und Marion Gruber vom Verein „samara“ führen Workshops für Schulklassen und Wohngruppen der Kinder- und Jugendhilfe durch. Dabei setzen sie „echte“ Aussagen von Jugendlichen ein und fragen: „Kennt ihr das? Wie seht ihr das?“ Zum Beispiel: „Wenn meine Schwester mit einem Jungen zusammen ist, kriege ich Ärger.“ Unterschiedliche Meinungen und Gefühle werden dann in der Gruppe besprochen. „Es braucht Mut, auch schwierige Themen anzusprechen – bei Jugendlichen und bei uns“, sagen Arnold und Gruber. Wichtig ist, Jugendlichen Mut zu machen, etwa mit Sätzen wie „Ich kann mich auch alleine schützen!“
https://praevention-samara.at/
Bissuti: „Zwischen Muskeln, Medien und Männlichkeit“
Romeo Bissuti vom Männergesundheitszentrum Wien arbeitet mit männlichen Jugendlichen. Er nutzt Themen wie Fitness und Medien, um mit ihnen über Männlichkeit zu sprechen. 63 Prozent der jungen Männer folgen regelmäßig Influencern zum Thema Maskulinität. „Aber sie nehmen das nicht einfach 1:1 an, sondern oft auch ironisch.“ Er warnte davor, bei Aufklärungsprojekten zu streng und moralisch zu sein, da weniger Männer toxisch sind als angenommen. Wichtig sei, dass Männer mehr mit anderen Männern über Gewalt sprechen – denn Männer hören meist eher auf Männer. „Aber sehr oft sprechen nur Frauen über Gewalt.“
Leeb: Zuhören und hinschauen, um zu verstehen, was Jugendliche bewegt
Philipp Leeb, Gründer von „poika“, arbeitet mit Jungen zu Geschlechterthemen. Er sagte: „Kinder erleben Gewalt und bringen das in die Schule mit. Auch die Schule muss ein sicherer Ort sein, wo wir genau hinschauen.“ Manche Gewalt passiert unbewusst, anderes bewusst. Viele Schüler berichten von rassistischen Beleidigungen, auch von Lehrern. „Solche Situationen muss man melden. Dann können die Lehrer reflektieren und sich verändern.“ Leeb hört vor allem zu und gibt den Jugendlichen Raum. Auch wichtig ist, zu wissen, was Jugendliche in sozialen Medien sehen, um sie besser zu verstehen.
Rösslhumer: Wir alle können gegen Gewalt helfen!
Maria Rösslhumer, langjährige Leiterin der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser, sagte zum Abschluss: „Österreich war früher ein Vorbild im Gewaltschutz. Es gibt Gesetze, Frauenhäuser und Beratungsstellen. Aber warum schaffen wir es nicht, Gewalt gegen Frauen zu stoppen?“ Gewalt nimmt zu, mehr Frauen sind betroffen. „Warum müssen Frauen mit ihren Kindern noch immer fliehen?“ Sie fordert: Nicht nur Einrichtungen und Behörden, sondern alle in der Gesellschaft können zur Gewaltprävention beitragen. Ihre Initiative „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ setzt genau dort an: in der Nachbarschaft. „Wir stärken die Menschen vor Ort, damit sie helfen können!“
https://www.stop-partnergewalt.at/
SERVICE: Video der Veranstaltung
Das gesamte Video der Veranstaltung finden Sie hier: https://volksanwaltschaft.gv.at/aktuelles/artikel/gewalt-gegen-frauen-erkennen-und-verhindern-praeventionsansaetze-vorgestellt-video-mit-allen-vortraegen/