Handelskrise trotz Wachstum – Was steckt wirklich hinter der düsteren Lage?

„Es freut uns zwar, dass nach einer langen Durststrecke im Gesamtjahr 2025 erstmals wieder ein Plus vorne steht, aber Gründe zum Jubeln gibt es dennoch wenig. Vor allem um die Rentabilität vieler Handelsunternehmen ist es schlecht bestellt. Die Rekordzahlen bei den Insolvenzen, viele Schließungen sowie die steigenden Arbeitslosenzahlen im Handel sprechen hier eine klare Sprache“, fasst Rainer Trefelik, Obmann der Bundessparte Handel der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), die Konjunkturdaten der Handelsbranchen zusammen, die heute im Rahmen einer Pressekonferenz in der WKÖ präsentiert wurden.

Der österreichische Handel konnte im Zeitraum Jänner bis November 2025 die Umsätze um nominal 2,0 % auf etwa 306 Milliarden Euro steigern, wie Daten von Statistik Austria zeigen (Dezemberdaten sind nur teilweise verfügbar). Handelsforscher Peter Voithofer vom Institut für Österreichs Wirtschaft (iföw) erklärt: „Da der Preisauftrieb im Handel mit +1,6 % abermals deutlich schwächer ausfiel als die allgemeine Inflationsrate und der Handel somit inflationsdämpfend wirkte, bedeutet das preisbereinigt bzw. real ein Konjunkturwachstum um +0,4 %.“ Das heißt, obwohl die Preise im Handel etwas stiegen, sind sie stärker als die Inflation gestiegen, was den echten Wachstumseffekt etwas abschwächt.

Österreich im EU-Ranking nur auf Platz 22

Bei der Aufteilung auf einzelne Sektoren zeigt sich, dass vor allem die Kfz-Wirtschaft ordentlich gewachsen ist – nominal um +6,3 % und real um +3,4 %. Im Einzelhandel lag das Wachstum bei nominal +2,6 % bzw. real +0,7 %, was deutlich unter dem EU-Durchschnitt von real +2,3 % liegt. Deshalb steht Österreich nur an 22. Stelle im EU-Einzelhandelskonjunktur-Ranking. Zum Vergleich: In Deutschland war das Wachstum mit +3,1 % deutlich stärker.

Im Großhandel war die Lage weniger gut: Nominal gab es zwar ein kleines Plus von +0,5 %, real gesehen ist der Umsatz leicht um -0,5 % gesunken.

Unterschiede zwischen den Branchen

Innerhalb des Einzelhandels verliefen die Entwicklungen unterschiedlich: Der Lebensmitteleinzelhandel wuchs real um +1,1 %, im Non-Food-Bereich lag das Wachstum bei +0,4 %. Besonders stark zugenommen haben der Schuheinzelhandel (+7,4 % real), der Bau- und Heimwerkerbedarf (+7,0 %) sowie der Blumenhandel (+5,0 %). Schlechter lief es dagegen im Schmuckhandel (-13,7 %), beim Handel mit Büchern und Zeitschriften (-6,6 %) sowie im Möbelhandel (-1,8 %).

Auch die monatlichen Entwicklungen waren schwankend: „Hier hatten wir eine sehr volatile Entwicklung und in einzelnen Monaten wie beispielsweise im November, in den die Black Week fällt, sogar größere Umsatzrückgänge,“ so Voithofer. Das Weihnachtsgeschäft, das inzwischen oft schon im November startet, war also „nicht der große Gamechanger“, der die schwache Konjunktur deutlich verbessern konnte.

Insolvenzen auf Rekordniveau

Die steigende Zahl der Insolvenzen zeigt, dass es im Handel große Probleme gibt. So lag die Zahl der Insolvenzen im Handel 2020 bei 495, 2023 stieg sie laut KSV auf 1125 und 2024 blieben mit 1117 Fälle auf hohem Niveau. Insgesamt machen Insolvenzen im Handel ein Sechstel aller Firmenpleiten in Österreich aus.

Auch die Beschäftigungssituation ist schwierig: Sowohl im Einzel- als auch im Großhandel sind die Mitarbeiterzahlen gefallen. Insgesamt sank die Anzahl der Beschäftigten um 1,5 % auf knapp 560.000, davon etwa 296.000 im Einzelhandel. Parallel sank die Zahl offener Stellen um 10 %, während die Arbeitslosigkeit im Handel um 9,6 % zunahm.

Ausblick: Hoffentlich besser, aber Sorgen bleiben

Rainer Trefelik fasst zusammen: „Wir blicken somit auf ein schwieriges Jahr zurück, auch wenn sich die Konjunktur etwas erholt hat und wir für 2026 eine gewisse Hoffnung auf einen Aufwärtstrend haben.“ Experten rechnen mit einer Belebung der Konjunktur und einer Verbesserung beim privaten Konsum. Dennoch gibt es noch viele Unsicherheiten, die Stimmung bei den Unternehmen ist laut Trefelik noch wenig optimistisch. Zudem belastet der hohe Kostendruck weiterhin die Gewinne vieler Handelsbetriebe, weshalb die Rentabilität ein großes Problem bleibt.

Zentrale Forderungen für den Handel der Zukunft

Um die Zukunft des österreichischen Handels zu sichern, fordert Trefelik klare Maßnahmen: „Die erste heißt keine zusätzlichen Kostenbelastungen. Hiervon hatten wir zuletzt mehr als genug, ich erinnere nur an das Shrinkflationgesetz.“ Außerdem dürfe der Handel nicht immer als Hauptverursacher der Inflation dargestellt werden. Er betont: „Die Zahlen belegen es schwarz auf weiß: Die Preissteigerungen im Handel liegen unter der Inflationsrate. Der Handel ist somit nicht Verursacher der hohen Inflation.“ Damit das so bleibt, fordert er auch wettbewerbsfähige Energiepreise.

Ein weiteres wichtiges Thema ist der faire Wettbewerb mit günstiger Ware aus Nicht-EU-Ländern. Die EU hat zwar ab Juli einen Pauschal-Zoll von drei Euro auf Kleinpakete aus Drittstaaten eingeführt, um die Abschaffung der Zollfreigrenze von 150 Euro zu überbrücken. „Doch dass diese Abschaffung erst 2028 kommen soll, ist viel zu spät. Die EU muss praxisorientierter und schneller werden“, fordert Trefelik.

KMU brauchen besseren Zugang zum EU-Binnenmarkt

Iris Thalbauer, Geschäftsführerin der Bundessparte Handel, erklärt: „Der EU-Binnenmarkt bietet KMU große Chancen: Zugang zu 450 Millionen Konsument:innen in 27 Staaten ohne Zölle und mit einheitlichen Regeln ermöglicht skalierbare Geschäftsmodelle.“ Allerdings erschweren komplizierte Vorschriften und unterschiedliche nationale Auslegungen in der Praxis den Marktzugang und verursachen viel Bürokratie. Notwendig seien Vereinfachungen, weniger Detailregulierung und regelmäßige KMU-Checks bei bestehenden Regeln.

Neben diesen Forderungen gibt es noch weitere wichtige Themen: Die Senkung der Lohnnebenkosten, weniger Bürokratie sowie Investitionen in Aus- und Weiterbildung, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Auch die Erreichbarkeit der Handelsbetriebe, zum Beispiel durch eine ausreichende Anzahl an Parkplätzen, ist wichtig.

„Wir wollen mit Zuversicht ins Jahr 2026 blicken. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss man den Handel aber arbeiten lassen. Das heißt, die Betriebe entlasten statt belasten, auch was bürokratische Herausforderungen anbelangt, und für faire und lebbare Wettbewerbsbedingungen sorgen,“ so der Handelsobmann abschließend.

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