Die österreichische Zeichnerin und Autorin Ulli Lust hat mit ihrem Werk zur Rolle der Geschlechter in der Menschheitsgeschichte für Aufmerksamkeit gesorgt. Sie erhielt kürzlich den Deutschen Sachbuchpreis für ihre kritische Auseinandersetzung mit dem traditionellen Bild von Frauen in der Evolution des Homo sapiens. In ihrem Buch hebt sie hervor, dass Geschlechterhierarchie keineswegs immer eine feste Konstante war. Laut Lust gab es •›die meiste Zeit keine Herrschaftsordnung zwischen den Geschlechtern• in der frühen Menschheitsgeschichte.
Diese These widerspricht den verbreiteten Darstellungen, die eine patriarchale Gesellschaftsstruktur als gegeben voraussetzen. Sie stützt sich dabei auf aktuelle Erkenntnisse aus der Anthropologie und Archäologie, die nahelegen, dass viele frühe Gesellschaften egalitär organisiert waren. Dies bedeutet, dass Frauen in vielen Kulturen gesellschaftlich gleichberechtigt agieren konnten und häufig eine bedeutende Rolle als Heilkundige und spirituelle Führungspersönlichkeiten einnahmen.
In der Fortsetzung ihres preisgekrönten Buches mit dem Titel Schamaninnen vertieft Lust diese Perspektive, indem sie sich gezielt mit der Funktion von Frauen als Schamaninnen auseinandersetzt. Schamanismus war in vielen indigenen Kulturen eine zentrale Praxis, die den Kontakt zu transzendenten und heilenden Kräften ermöglichte. Frauen nahmen in dieser Rolle oftmals eine herausragende Stellung ein, die die vermeintliche Unterordnung der Geschlechter infrage stellt.
Die Bedeutung dieser Forschung liegt darin, dass sie einen Paradigmenwechsel im Verständnis von Geschlechterrollen und Sexualpolitik im Laufe der Menschheitsgeschichte anstößt. Moderne feministische Diskurse profitieren von solchen Erkenntnissen, da sie gesellschaftliche und kulturelle Narrative herausfordern, die Geschlechterungleichheit naturalisieren. Ulli Lust verbindet in ihrem Werk zudem einen visuellen Zugang mit fundiertem Sachwissen, was Leserinnen und Lesern einen niedrigschwelligen, aber dennoch gehaltvollen Zugang zu komplexen historischen Debatten ermöglicht.
Mit ihrem Buch gelingt es Lust, überlieferte Stereotype zu dekonstruieren und das Bild von Frauen in der Menschheitsgeschichte neu zu zeichnen. Dies stärkt das Bewusstsein für die Vielfalt menschlicher Gesellschaftsformen und die Rolle von Frauen als aktive Gestalterinnen kultureller und spiritueller Prozesse.
Weiterführende Links
- https://www.deutscher-sachbuchpreis.de/
- https://www.ullilust.tumblr.com/
- https://www.dw.com/de/ulli-lust-schamaninnen-und-geschlechterhierarchie/a-60876238
- https://www.britannica.com/science/shamanism