Der Historiker Jörg Baberowski, bekannt für seine Forschungen zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, setzt sich in seinem neuen Buch Am Volk vorbei mit der dringlichen Frage auseinander, wie es zum aktuellen Rechtsruck in vielen europäischen Gesellschaften kommen konnte. In einem Gespräch mit Günter Kaindlstorfer beleuchtet Baberowski die Wechselwirkungen zwischen den politischen Eliten und dem aufgebrachten Wählersegment, das zunehmend Protestparteien unterstützt.
Im Kern kritisiert Baberowski das strukturelle Versagen der liberalen Eliten, die es versäumt hätten, auf die berechtigten Ängste und Sorgen der Bevölkerung einzugehen. Gerade die Sozialdemokratie habe an Boden verloren, weil sie sich zu sehr von ihren traditionellen Kernwählergruppen und deren Bedürfnissen entfremdet habe. Der Autor argumentiert, dass diese Demokratiemüdigkeit Räume öffnet für populistische Bewegungen, die einfache Lösungen für komplexe Probleme versprechen.
Entsprechend betont Baberowski in seinem Werk, dass die aktuelle politische Polarisierung auch als Symptom tieferliegender gesellschaftlicher Spannungen verstanden werden muss. Die liberalen Eliten hätten oft eine technokratische Haltung eingenommen, die den Dialog mit dem sog. Volk erschwere. Dies führe zu einer Entfremdung und einem Verlust von Vertrauen in demokratische Institutionen, was wiederum den Nährboden für populistische und rechtspopulistische Bewegungen bilde.
Seine Analysen fügen sich in ein breiteres Forschungsfeld ein, das seit einiger Zeit den Einfluss von Populismus auf die Stabilität liberaler Demokratien untersucht. Studien zeigen, dass gerade sozioökonomische Unsicherheit, Globalisierung und kulturelle Ängste dazu beitragen, dass Wähler radikalere politische Optionen bevorzugen.
Baberowskis Buch bietet daher nicht nur historische Perspektiven, sondern auch politische Handlungsempfehlungen, um den Rechtsruck wirksam zu begegnen. Eine erneuerte, inklusive Demokratiepolitik, die gesellschaftliche Spaltungen adressiert und dialogorientiert agiert, sei unabdingbar, um das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurückzugewinnen.
Das Gespräch mit Kaindlstorfer verdeutlicht, dass der Rechtsruck kein isoliertes Phänomen sei, sondern das Ergebnis komplexer sozialer, ökonomischer und politischer Dynamiken. Baberowski fordert eine Selbstreflexion der Eliten und eine Rückbesinnung auf die Grundprinzipien der Demokratie, um gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und extremistischen Tendenzen entgegenzuwirken.
Weiterführende Links
- https://www.deutschlandfunk.de/juerg-baberowski-ueber-rechtsruck-und-liberale-eliten-100.html
- https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/populismus/315930/rechtsruck-und-populismus
- https://www.sueddeutsche.de/politik/sozialdemokratie-rechtsruck-1.4991726
- https://www.bersarinstitute.com/demokratiemuedigkeit-und-politische-polarisierung-analysen