In einem gemeinsamen Appell plädiert ein internationales Forschungsteam, darunter Priv.-Doz. Dr. Anja Palandačić und Dr. Nikolaus Szucsich vom Naturhistorischen Museum Wien, für die gezielte und umfassende Genomsequenzierung von Typusexemplaren – den Referenz-Exemplaren einzelner Arten, die in naturkundlichen Sammlungen aufbewahrt werden. In ihrem jetzt in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Systematic Biology“ veröffentlichten Beitrag betonen die Forschenden um Erstautor Dr. Harald Letsch (Universität Wien und Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe) die große Bedeutung der Entschlüsselung dieser genetischen Codes für die Biodiversitätsforschung und zeigen, wie sich durch modernste Technologien „digitale Zwillinge“ der oftmals historischen Museumsexemplare erstellen lassen. Die gemeinsame Initiative – getragen von den drei größten Naturkundemuseen in Deutschland und Österreich sowie Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen – soll dazu beitragen, diese unersetzlichen Objekte für kommende Generationen zu bewahren und das in ihnen gespeicherte Wissen global zugänglich zu machen.
In naturwissenschaftlichen Sammlungen auf der ganzen Welt lagert ein ungehobener Schatz: die DNA von sogenannten Typusexemplaren. Von jeder bekannten Art gibt es irgendwo auf der Welt ein Exemplar – ein Tier, eine Pflanze oder ein Fossil – das zur offiziellen Beschreibung und Benennung dieser Art verwendet wurde. Diese einmaligen und sorgsam aufbewahrten Objekte in den Sammlungen von Museen und Forschungseinrichtungen sind die „offiziellen Nachschlagewerke“ der Natur. Sie helfen Forschenden dabei, Arten eindeutig zu identifizieren und korrekt einzuordnen.
„Typusexemplare sind das Fundament unserer biologischen Namensgebung und unseres Artverständnisses“, erklärt der Erstautor des Artikels, Dr. Harald Letsch von der Universität Wien und dem Naturkundemuseum Karlsruhe. „Wenn wir ihre Genome entschlüsseln, können wir besser verstehen, wie Arten miteinander verwandt sind, wie sie sich entwickelt haben – und wie wir sie schützen können.“
Doch die Zeit hinterlässt Spuren: Viele der Typusexemplare sind jahrhundertealt, empfindlich und gefährdet – durch Alterungsprozesse, unsachgemäße Lagerung oder Naturkatastrophen. Dank neuer Sequenzierungstechnologien ist es inzwischen möglich, genetische Informationen selbst aus sehr alten und fragilen Objekten zu gewinnen, ohne sie dabei zu zerstören.
Wissenschaftler*innen der Universität Wien, des Naturhistorischen Museums Wien, der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, des Museums für Naturkunde Berlin, des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels und weiterer Institutionen erstellen ein Framework, das Sammlungs-Kurator*innen und Forschende aus den Bereichen Taxonomie und Genomik dabei unterstützt, das große Potenzial der „Typus-Genomik“ für die Biodiversitätsforschung zu nutzen.
Der Appell ist Teil einer umfassenderen Bewegung zur Digitalisierung naturkundlicher Sammlungen. Die physische Unversehrtheit von Typusexemplaren zu bewahren, steht oft im Widerspruch zum Wunsch nach ihrer wissenschaftlichen Nutzung. Jede Untersuchung des physischen Exemplars oder dessen Ausleihen an andere Einrichtungen birgt Gefahren für die wertvollen Objekte. Moderne Technologien wie Hochdurchsatz-Sequenzierung auf Basis minimal-invasiver DNA-Entnahmemethoden und die Erstellung sogenannter „digitaler Zwillinge“ bieten hierfür neue Lösungsansätze: Hochauflösende Bilder, morphometrische Daten und genetische Informationen machen dabei die Eigenschaften der Typusexemplare für die Wissenschaft zugänglich, ohne die Originalexemplare zu gefährden.
„Die Digitalisierung physischer Exemplare und ihrer begleitenden historischen Informationen ist sehr wichtig“, betont Dr. Anja Palandačić. „Museumsexemplare verschlechtern sich mit der Zeit, und Teile der Sammlungen wurden bereits durch Ereignisse wie Brände und Überschwemmungen zerstört. Die Digitalisierung wirkt daher wie eine Versicherungspolice. Außerdem macht sie die Exemplare für Forscher auf der ganzen Welt verfügbar.“
„Technologien wie hochauflösende Bildgebung und minimal-invasive DNA-Entnahme verändern alles“, betont der Seniorautor der Studie, Dr. Steffen Pauls vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Wir können einmalig große Datenmengen aus einem Exemplar gewinnen – und diese Informationen dann global teilen, ohne das Original erneut zu belasten.“
„Der Aufbau datenreicher, umfassend digitalisierter Sammlungen durch Projekte wie die Typus-Genomik macht Biodiversitätsinformationen für die weltweite Forschung zugänglich und unterstreicht den Wert von Museumssammlungen als zentrale Forschungsinfrastruktur und lebendige Archive der Erdgeschichte“, ergänzt Dr. Jenna Moore vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels und Museum der Natur Hamburg.
Um die Zusammenarbeit zwischen Kurator*innen, Taxonom*innen und Genomforscher*innen zu fördern, entwirft das Team eine Strategie, mit der sich die Datengewinnung aus Typusexemplaren maximieren und gleichzeitig die Auswirkungen von DNA-Entnahme und anderen musealen Analyseverfahren minimieren lassen. „Zusammenarbeit ist der Schlüssel, um sowohl die Qualität als auch die Menge der Daten aus Typusexemplaren zu optimieren. Idealerweise wird ein Typusexemplar nur einmal physisch angefasst, um möglichst viele Informationen zu gewinnen“, so Pauls.
Museale Netzwerke sowie standardisierte DNA-Entnahmeprotokolle könnten künftig gewährleisten, dass genomische Daten aus Typusexemplaren weltweit verfügbar sind. Dr. Iker Irisarri vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels und dem Museo Nacional de Ciencias Naturales (MNCN-CSIC) in Madrid betont: „Der Aufbau vernetzter Kataloge naturkundlicher Sammlungen kann die Beschreibung neuer Arten beschleunigen und die Erhaltung der Biodiversität gezielt unterstützen – vorausgesetzt, die entsprechenden Genomdaten sind offen zugänglich.“
Dr. Harald Letsch ist überzeugt: „Die Bereitstellung genomischer Informationen aus Typusexemplaren ist ein entscheidender Schritt in der digitalen Transformation naturkundlicher Sammlungen. Mit gemeinschaftlicher Expertise und moderner Technologie können wir die Forschung revolutionieren und biologisches Wissen für kommende Generationen bewahren.“
Publikation:
Harald Letsch et al., Type genomics: a Framework for integrating Genomic Data into Biodiversity and Taxonomic research, Systematic Biology, 2025
https://academic.oup.com/sysbio/article/74/6/1029/8138649
Weitere Informationen zum NHM Wien und der Sammlungsdigitalisierung:
Museomics ist ein relevanter Begriff in diesem Zusammenhang. Das NHM Wien hat hierzu eine Übersichtspublikation verfasst. Zudem wird am 23. und 24. März 2026 eine internationale Museomics-Tagung am NHM Wien stattfinden, an der auch die Autor*innen der Letsch-Publikation teilnehmen.
Das NHM Wien fungiert mit OSCA (Open Scientific Collections Austria) als österreichischer Hub der europäischen Infrastruktur DiSSCo (Distributed System of Scientific Collections), die sich den digitalen Zugang zu allen naturkundlichen Sammlungen zum Ziel gemacht hat.
Details zu den Sammlungen des NHM Wien wurden in der Sammlungsstrategie verschriftlicht.
Wissenschaftlicher Rückfragehinweis:
Prof. Dr. Steffen Pauls
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt
Tel.: + 49 (0)69 7542 1222 | steffen.pauls@senckenberg.de
Dr. Harald Letsch
Universität Wien / Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe
Tel.: +43 (1) 4277 57403 | harald.letsch@univie.ac.at
Priv.-Doz. Dr. Anja Palandačić
1. Zoologie, NHM Wien
https://www.nhm-wien.ac.at/anja_palandacic
Tel.: + 43 (1) 521 77 – 212 | anja.palandacic@nhm.at
Dr. Nikolaus Szucsich
ABOL-Koordinator, NHM Wien
https://www.nhm-wien.ac.at/nikolaus_szucsich
Tel.: + 43 (1) 521 77 – 435 | nikolaus.szucsich@nhm.at
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