Welche Formen von Pluralismus und öffentlicher Debatte sind unter den Bedingungen eines Krieges möglich? Mit dieser Frage befasst sich die vierte Winter School der Invisible University for Ukraine (IUFU), die von 11. bis 17. Januar 2026 an der Central European University (CEU) in Budapest stattfindet. Die internationale Veranstaltung bringtWissenschaftler:innen, Studierende, Künstler:innen und Vertreter:innen der Zivilgesellschaft aus mehreren Ländern zusammen und betrachtet die ukrainische Kriegserfahrung als Teil einer globalen intellektuellen Debatte über Konflikt, Demokratie, kultureller Identität und Wiederaufbau.
„Die Invisible University for Ukraine bereitet Studierende nicht nur auf die aktuelle Ausnahmesituation vor, sondern auf eine Nachkriegsphase, in der Wiederaufbau, zivilgesellschaftliches Engagement und intellektuelle Führung notwendigerweise international – und nicht nur national – sein werden“, sagt Balazs Trencsenyi, Professor für Geschichte an der CEU Wien und Direktor des CEU Institute for Advanced Study in Budapest sowie Mitorganisator von IUFU. „Diese Winter School trifft diesen historischen Moment besonders gut, da sie Debatten zu zentralen Themen bündelt, während die ukrainische Gesellschaft aktiv darüber nachdenkt, wie sie sich neu aufstellen will.“
Durch die Verbindung von akademischer Forschung, zivilgesellschaftlicher Praxis und künstlerischem Ausdruck eröffnet das Programm vielschichtige Perspektiven darauf, wie Gesellschaften unter Bedingungen von Gewalt und Unsicherheit mit Differenz umgehen. Die intellektuelle Arbeit von IUFU reicht dabei über den Seminarraum hinaus: Wissenschaftler:innen und Studierende kuratieren und veröffentlichen ihre Arbeiten über Visible Ukraine, eine interdisziplinäre Online-Publikationsplattform, die ukrainische Stimmen in globale öffentliche Debatten einbringt und die internationale Sichtbarkeit ukrainischer Wissenschaft auch unter den Bedingungen des anhaltenden Krieges stärkt.
„IUFU ist zugleich eine Notfallinitiative als Reaktion auf den kaum vorstellbaren Schock der großangelegten Invasion, die Hunderttausende Studierende entwurzelt und die Bildungs- und Zivilinfrastruktur des Landes zerstört hat, und Teil einer langfristigen Tradition alternativer Bildungsangebote für Situationen, in denen konventionelle Formate nicht mehr verfügbar sind. IUFU hat bewusst nicht das einfache Modell einer einzelnen Universität gewählt, die ihre Hörsäle ukrainischen Studierenden öffnet. Von Anfang an beruhte das Projekt auf einem internationalen Netzwerk engagierter Wissenschaftler:innen und Studierender, die intellektuelle und andere Ressourcen einbringen wollten“, ergänzt Ostap Sereda, Programmleiter von IUFU. „Für viele unserer Studierenden war diese Erfahrung lebensverändernd – nicht nur akademisch, sondern auch im Hinblick auf Selbstwirksamkeit, Solidarität und Verantwortung für die Zukunft.“
Eine transnationale akademische Gemeinschaft im Krieg
Die Winter School bringt 50 ausgewählte Teilnehmer:innen aus dem IUFU-Studierendenkreis zusammen – Bachelor-, Master- und Doktorand:innen, deren Ausbildung durch die russische Invasionunterbrochen wurde. In Vorträgen, Workshops, öffentlichen Diskussionen und kulturellen Veranstaltungen setzen sie sich gemeinsam mit international renommierten Wissenschaftler:innen undPraktiker:innen mit den historischen, politischen und kulturellen Dimensionen des Krieges auseinander und entwickeln Strategien für widerstandsfähige akademische und zivilgesellschaftlicheInstitutionen in der Zukunft der Ukraine.
Thematisiert werden unter anderem die Position der Ukraine in einer komplexen globalen Landschaft, Beziehungen zum Globalen Süden, Debatten um Dekolonialität und (De-)Westernisierung, die Rolle der Zivilgesellschaft, Fragen von Minderheitenrechten und ziviler Nationenbildung, die Erbschaften staatlicher Gewalt sowie feministische und geschlechterpolitische Perspektiven in Osteuropa.
Programmhöhepunkte für Medienberichterstattung
Die Winter School bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für Interviews und Hintergrundberichterstattung. Das vollständige Programm ist dem beigefügten Dokument zu entnehmen.
12.–13. Januar | Globales Engagement, Recht und Zivilgesellschaft
Der Auftakt widmet sich der internationalen Wahrnehmungen des Krieges und der Rolle zivilgesellschaftlicher Akteur:innen. Workshops mit Vertreter:innen ukrainischer Freiwilligeninitiativen gebenEinblick in die konkrete Arbeit humanitärer, rechtlicher und verteidigunsunterstützender Organisationen. Abendliche Filmvorführungen (The Last Prometheus of Donbass (104’, 2025) mit Anton Shtuka, moderiert von Nataliia Shuliakova / So Close You Almost Touch It (10’, 2025) mit Antonina Stebur, Valerie Karpan & Maryna Khrypun (Variable Name Collective), moderiert von Sasha Kokhan) eröffnenkulturelle Zugänge zu diesen Themen.
- Unter anderem mit:
– Olexiy Haran (Kyiv-Mohyla Academy) & Volodymyr Lakomov (Direktor einer Abteilung des Außenministeriums / Außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter) im Gespräch mit Maksym Yakovlyev (Kyiv-Mohyla Academy)
– Valeria Korablyova, Ela Kwiecińska, Balázs Trencsényi & Ostap Sereda mit Oksana Volovodiuk & Yuriy Betsko, moderiert von Valerie Karpan & Maryna Khrypun
– Liubov Halan / Pryntsyp, moderiert von Sofiia Arakelian
16. Januar | Gewalt, Erinnerung und feministische Geschichte
Ein zentraler Thementag widmet sich sozialistischen und postsowjetischen Erbschaften staatlicher Gewalt, reproduktiver (Un-)Gerechtigkeit in der Sowjetukraine sowie der transnationalen intellektuellenGeschichte des Feminismus. Die Sitzungen verbinden historische Analyse mit aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und bieten Ansatzpunkte für kultur- und zeitgeschichtlicheBerichterstattung.
- Unter anderem mit:
– Nataliia Kibita (University of Oxford) & Joachim von Puttkamer (Imre Kertész Kolleg, Jena), moderiert von Yevhen Yashchuk
– Kateryna Ruban (Universität Wien), moderiert von Nadiia Chervinska
– Adela Hîncu, Zsófia Lóránd, Katarzyna Stańczak-Wiślicz & Jovana Mihajlović Trbovc, moderiert von Nadiia Chervinska
17. Januar | Politischer Pluralismus und postkriegerische Zukunftsszenarien
Zum Abschluss stehen politischer Pluralismus, postkriegerische Zukunftsszenarien sowie vergleichende Perspektiven auf hybride Kriegsführung. Gemeinsame Reflexionen und Planungssitzungenunterstreichen die langfristige Mission von IUFU, das intellektuelle Leben und die demokratische Debatte in der Ukraine über die akute Krise hinaus zu stärken. Den Abschluss bildet eine öffentlicheKulturveranstaltung mit Jazz- und ethnischen Musiktraditionen aus dem Schwarzmeerraum.
- Unter anderem mit:
– Oleksander Fisun (Nationale W.-N.-Karasin-Universität Charkiw / CEU IAS), Yuriy Matsiyevsky (Nationale Universität Ostroh-Akademie / CEU IAS) & Anton Shekhovtsov (Centre for Democratic Integrity / CEU), moderiert von Maksym Snyhir
– Nino Gozalishvili (Centre Marc Bloch Berlin) & Rusudan Margiani (ELTE Budapest)
Invisible University for Ukraine & Visible Ukraine
Die Invisible University for Ukraine ist eine transnationale akademische Initiative, die akkreditierte Lehrveranstaltungen, Mentoring und Gemeinschaftsangebote für vom Krieg betroffene ukrainische Studierende bereitstellt. Ihre Wissenschaftler:innen und Teilnehmenden bilden zugleich das zentrale redaktionelle und intellektuelle Team von Visible Ukraine, einer frei zugänglichen Online-Zeitschrift, die akademische Forschung mit öffentlicher Debatte verbindet. Gemeinsam wirken IUFU und Visible Ukraine intellektueller Isolation entgegen, hinterfragen dominante Narrative und verankern ukrainische Perspektiven in globalen Diskursen.
Über die CEU
Die Central European University (CEU) wurde 1991 gegründet und hat seit 2019 ihren Sitz in Wien, unterhält jedoch weiterhin mehrere Forschungseinrichtungen in Budapest. Sie ist eine private, gemeinnützige Universität mit rund 1.500 Studierenden aus über 100 Ländern, die Bachelor-, Master- und Doktoratsprogramme absolvieren, die sowohl in den USA als auch in Österreich akkreditiert sind. Über 200 herausragende Lehrende und Forschende gewährleisten ein exzellentes Betreuungsverhältnis sowie kontinuierliche externe Anerkennung durch renommierte Forschungspreise und Drittmittelprojekte. Die CEU bekennt sich zu Chancengleichheit, Vielfalt, offenen Gesellschaften und Meinungsfreiheit – unter anderem durch Initiativen wie die Invisible University for Ukraine.
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