Besorgniserregende Verbreitung von demokratiegefährdenden Verschwörungstheorien über den Messenger-Dienst Telegram

Die neue Studie der Bundesstelle für Sektenfragen dokumentiert erstmals, wie sich während der COVID-19-Pandemie auf dem Messenger-Dienst Telegram eine digitale Gegenöffentlichkeit in Österreich formiert hat, in der aktiv Verschwörungstheorien verbreitet werden und die sich bis heute im Widerstand sieht. Vor allem sogenannte alternative Medien, rechtsextreme Kanäle und führende Influencerinnen und Influencer der COVID-19-Protestbewegung nehmen mit ihren oftmals verschwörungstheoretischen und polarisierenden Botschaften innerhalb des Netzwerks eine führende Rolle ein. Der Bericht verdeutlicht, wie durch breit gestreute und häufig geteilte Nachrichten auf Telegram Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen und wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie etablierter Medienberichterstattung gefördert wird. Es ist in diesem Zusammenhang besonders besorgniserregend, dass innerhalb des Netzwerks vielfach verschwörungstheoretische Nachrichten gepostet werden, die zur Dämonisierung und Abwertung ethnischer, religiöser und sexueller Minderheiten beitragen.

Online-Monitoring zu Verschwörungstheorien im digitalen Raum

Im Zuge der COVID-19-Pandemie sind Verschwörungstheorien und die damit verbundenen individuellen und gesellschaftlichen Risiken verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Wie internationale Studien verdeutlichen, sind soziale Medien und insbesondere der Instant-Messaging-Dienst Telegram bei der Verbreitung von Verschwörungstheorien von zentraler Bedeutung. Gleichzeitig ist nur wenig darüber bekannt, durch welche Online-Netzwerke Verschwörungstheorien in Österreich verbreitet werden und welche Akteurinnen und Akteure dabei eine Schlüsselrolle einnehmen. Ein vom Bundeskanzleramt finanziertes Forschungsprojekt an der Bundesstelle für Sektenfragen soll diese Lücke schließen und einen Einblick in aktuelle Entwicklungen und Trends im Bereich Verschwörungstheorien geben. Ziel des Online-Monitorings ist eine erweiterte Wissensbasis und ein besseres Verständnis über die Verbreitung von Verschwörungstheorien im digitalen Raum. Durch diesen Schwerpunkt will die Bundesstelle für Sektenfragen zur Aufklärung über ein aktuell noch großteils unerforschtes Feld in Österreich beitragen und ihrem gesetzlichen Dokumentations- und Informationsauftrag nachkommen. Die neue Studie zum Telegram-Netzwerk der österreichischen COVID-19-Protestbewegung stellt das erste Zwischenergebnis des Forschungsprojekts zu Verschwörungstheorien dar.

Methoden

Für die aktuelle Studie wurden 287 öffentliche Telegram-Kanäle untersucht, die in einem manuellen Analyseverfahren der österreichischen COVID-19-Protestbewegung zugeordnet werden konnten. Der Analysezeitraum erstreckt sich von Januar 2020 bis September 2023 und untersuchte einen Datensatz von rund 1,3 Millionen Nachrichten. Mithilfe der Telegram-API wurden relevante Meta-Daten der untersuchten Kanäle erfasst und mittels quantitativer Methoden ausgewertet. Diese Analyse ermöglichte es, die Reichweite der Kanäle, die Verbreitung ihrer Nachrichten und die quantitative Entwicklung des Netzwerks sowie übergeordnete Trends zu bestimmen. Die Anwendung netzwerkanalytischer Methoden ermöglichte darüber hinaus eine detaillierte Untersuchung der Dynamiken innerhalb des Netzwerks. In einer Kombination aus quantitativen textanalytischen Verfahren und qualitativen Analysen wurden die Entwicklungen von Themen innerhalb des Netzwerks untersucht und reichweitenstarke Nachrichten detailliert ausgewertet. Durch dieses Vorgehen konnten zudem Einblicke in den Verbreitungsgrad von Verschwörungstheorien innerhalb des Netzwerks gewonnen sowie zentrale in die Verbreitung von Verschwörungstheorien involvierte Kanäle identifiziert werden.

Fortbestehende Reichweite trotz Mobilisierungsverlust

Wie die neue Veröffentlichung der Bundesstelle für Sektenfragen erstmals zeigt, kam es beginnend mit März 2020 zu einem signifikanten Anstieg von Neugründung österreichischer Telegram-Kanäle aus der sich formierenden COVID-19-Protest-Bewegung. Im März 2020 umfasste das analysierte Netzwerk noch etwa 40 Telegram-Kanäle. Bis zum Ende des Untersuchungszeitraums im September 2023 war diese Zahl auf fast 300 Kanäle angestiegen. Die Gründung neuer Kanäle, die im Winter 2021 ihren Höhepunkt erreichte, wurde von einem deutlichen Anstieg der täglichen Aufrufzahlen begleitet: Während die durchschnittlichen Aufrufzahlen pro Tag im März 2020 noch bei etwa 100.000 lagen, erreichten sie im Jänner 2022 mit rund 9 Millionen ihren Höhepunkt. Obwohl die Aufrufzahlen bis April 2023 auf 4 Millionen zurückgingen, blieben sie damit deutlich über dem Niveau vor der COVID-19-Pandemie. Das zeigt, dass trotz des Endes der staatlichen COVID-19-Schutzmaßnahmen und des damit verbundenen Rückgangs der Nachrichtenaufrufe die Reichweite des Netzwerks signifikant höher bleibt als zu Beginn der Pandemie. Der Messaging-Dienst Telegram ist daher auch heute noch von einer aktiven Teilöffentlichkeit geprägt, die sich im Widerstand gegen ein unrechtmäßiges System sieht und in der Falschinformationen, Verschwörungstheorien und polarisierende Inhalte weitverbreitet sind.

Enge Vernetzung trotz starker Heterogenität

Wie die Analyse der österreichischen COVID-19-Protestbewegung auf Telegram zeigt, handelt es sich um ein heterogenes, aber zugleich stark miteinander verbundenes Netzwerk, das aus Kanälen unterschiedlicher weltanschaulicher Milieus besteht. Neben der im Zuge der Pandemie entstandenen Corona-Maßnahmen-Gegner-Szene im engen Sinne umfasst es Kanäle, die dem organisierten Rechtsextremismus, wie etwa dem rechtsextremen Aktivisten Martin Sellner, dem esoterischen und spirituellen Bereich, sogenannten „alternativen Medien“ wie AUF1, Report24 und Info-DIREKT, dem parteipolitischen Spektrum und einschlägigen verschwörungstheoretischen Milieus zuzurechnen sind. Die enge Vernetzung innerhalb des Netzwerks ermöglicht es Akteurinnen und Akteuren, die Verschwörungstheorien und extremistische Narrative propagieren, ihre Nachrichten über ihr Stammpublikum hinaus zu verbreiten und inhaltlichen Einfluss auf ein heterogenes Publikum auszuüben.

Great Reset, New World Order und QAnon

Die hohen Aufrufzahlen und Weiterleitungen von Kanälen wie dem Online-Sender AUF1 und anderen alternativen Medien, die bis zu 240.000 Abonnentinnen und Abonnenten erreichen und durchschnittlich über 1,3 Millionen Nachrichtenaufrufe pro Tag verzeichnen, tragen maßgeblich zur Verbreitung von Verschwörungstheorien bei. Reale oder konstruierte Krisenphänomene werden in den meisten Fällen mit dem verschwörungstheoretischen Konzept des „Great Reset“, aber auch der „New World Order“ oder auch mit dem QAnon-Narrativ verknüpft. Auch die rechtsextreme Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“, die von dem geplanten Ziel der „Ersetzung“ oder „Vernichtung“ der europäischen Bevölkerung oder oft auch der „weißen Völker“ durch „globalistische Eliten“ warnt, ist innerhalb des Netzwerks vertreten und wird insbesondere von rechtsextremen Kanälen gestreut. Durch die Omnipräsenz dieser Erzählungen kommen Nutzerinnen und Nutzer so mit einem relativ homogenen verschwörungstheoretischen Weltbild in Kontakt, in dem es keine Widersprüche gibt, sondern alles Teil der Logik eines großen und gefährlichen Plans ist, gegen den man sich zur Wehr setzen müsse.

Neue Ereignisse, altbekannte Verschwörungserzählungen

Ob es sich um die COVID-19-Pandemie, den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, die Umweltkrise, den Themenbereich Asyl und Migration oder LGBTIQ+ handelt: Viele der führenden Stimmen innerhalb des Netzwerks verbreiten die Verschwörungserzählung, dass gesellschaftliche Krisen von einer globalen Elite gezielt genutzt oder künstlich erschaffen wurden, um die Bevölkerung zu unterdrücken oder gar zu vernichten. Vielfach werden im Zusammenhang mit diesen Verschwörungserzählungen Feindbilder und Sündenböcke erschaffen und für gesellschaftliche Krisenerscheinungen verantwortlich gemacht. Wie der Bericht feststellt, ist die gezielte Dämonisierung und Abwertung von ethnischen, religiösen und sexuellen Minderheiten vor diesem Hintergrund als besonders besorgniserregend zu bewerten. Wie die Analyse reichweitenstarker Nachrichten von alternativen Medien wie AUF1, Report24 und Info-Direkt oder dem rechtsextremen Aktivisten Martin Sellner zeigt, werden in diesem Zusammenhang latent und explizit antisemitische und in vielen Fällen fremdenfeindliche, rassistische sowie homophobe und queerfeindliche Narrative verbreitet.

Demokratiefeindlichkeit und Feindbilder

Die innerhalb des untersuchten Telegram-Netzwerks verbreiteten Verschwörungstheorien stellen vielfach demokratische Institutionen als bloße Hüllen und instrumentelle Werkzeuge einer angeblich weltweit agierenden Elite dar, die den Plan verfolge, eine neue Weltordnung zu errichten, in der die Bevölkerung überwacht, entmündigt oder gar versklavt und vernichtet wird. Entsprechende Erzählungen werden häufig in eine populistische Widerstandsrhetorik eingebettet, die dazu aufruft, sich durch die Teilnahme an Demonstrationen, den Kauf von Produkten, die finanzielle Unterstützung von Aktivistinnen und Aktivisten und die Wahl bestimmter Parteien in den Widerstand einzubringen und aktiv zu werden. Neben der Delegitimierung demokratischer Institutionen, Prozesse und Werte werden innerhalb des Netzwerks häufig wissenschaftliche Erkenntnisse wie die Wirksamkeit von Impfungen oder der Klimawandel infrage gestellt und etablierten Medien grundsätzlich die Glaubwürdigkeit abgesprochen.

Individuelle und gesellschaftliche Radikalisierung

Ulrike Schiesser, Geschäftsführerin der Bundesstelle für Sektenfragen, stellt in diesem Zusammenhang fest, dass in den Beratungsfällen der Bundesstelle Angehörige immer wieder berichteten, dass Betroffene im Zuge der Pandemie begannen, den Messenger-Dienst Telegram zu nutzen, sich in ihren Ansichten zunehmend radikalisierten und sich von der Außenwelt isolierten. Individuelle Radikalisierungsprozesse können so dazu führen, dass Personen immer stärker von Verschwörungstheorien beeinflusst werden und ihr Denken zunehmend von diesen vereinnahmt wird. Diese individuellen Entfremdungsprozesse werden wiederum gezielt von extremistischen Akteurinnen und Akteuren für politische Mobilisierungszwecke genutzt. Auch nach dem Ende der COVID-19-Pandemie bleibt die Präsenz einer virtuellen Teilöffentlichkeit, in der Verschwörungstheorien verbreitet und demokratische Institutionen delegitimiert werden, daher ein relevantes gesellschaftliches Problemfeld, das aktiv bearbeitet und adressiert werden muss.

„Der Bericht zeigt, dass es sich um ein sehr heterogenes Online-Milieu handelt, das nicht unter Generalverdacht gestellt werden darf. Er identifiziert aber zentrale Kanäle, die an der Verbreitung von Verschwörungstheorien beteiligt sind und deren Inhalte in Hinblick auf mögliche Gefährdungspotenziale kritisch beleuchtet werden.“
Ulrike Schiesser, Geschäftsführerin der Bundesstelle für Sektenfragen

„Besorgniserregend ist, dass es rechtsextremen und verschwörungstheoretischen Akteurinnen und Akteuren teilweise gelungen ist, die Protestbewegung für sich zu vereinnahmen und ihre Inhalte insbesondere über sogenannte ‚alternative Medien‘ verstärkt verbreitet werden.“
Philipp Pflegerl, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesstelle und Studienautor

„Auch wenn die Zahl der Aufrufe zurückgegangen ist, bleibt auf Telegram ein Netzwerk bestehen, das nach wie vor ein demokratiegefährdendes Potenzial aufweist und in dem Hass auf Minderheiten geschürt wird.“
Felix Lippe, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesstelle und Studienautor

 

Der Monitoring-Report steht auf www.bundesstelle-sektenfragen.at/veroeffentlichungen/ zum Download zur Verfügung.

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