„Kronen-Zeitung“ berichtete anonymisiert über Lehrerin und ihr „Burka-Geschenk“ – kein Ethikverstoß

Der Senat 3 hat das Verfahren wegen des Artikels „Mutter überreicht Lehrerin Burka“, erschienen am 24.01.2024 in der „Kronen Zeitung“, eingestellt – es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass die im Artikel beschriebenen Vorfälle erfunden worden seien.

Im Artikel wird berichtet, dass die Mutter eines Schülers einer im Artikel nicht namentlich genannten Lehrerin an der Volksschule Felbigergasse eine Burka überreicht habe; die Junglehrerin habe dies widerwillig angenommen, da sie keine Diskussion beginnen wollte, werde sie aber sicher nicht anziehen.

Danach wird auf einen weiteren Vorfall Bezug genommen: Vor nicht allzu langer Zeit hätte ein Schüler in der Pause einen Sitzkreis gemacht und den Mitschülern vorgelesen. „Zuerst habe ich mich darüber gefreut, dass die Kinder freiwillig lesen. Dann hörte ich arabische Worte,“ erzähle die Klassenlehrerin. Der Bursche habe aus dem Koran vorgelesen, die Pädagogin das Buch alarmiert konfisziert.

Mehrere Personen kritisierten den Artikel als medienethisch bedenklich. Ein Leser wies darauf hin, dass nach Rücksprache mit der Schule keines der berichteten Vorkommnisse so stattgefunden habe. Außerdem wandte sich auch eine Vertreterin der Bildungsdirektion für Wien an den Presserat und führte aus, dass die Schulleitung mit dem Lehrerteam gesprochen habe: Niemand könne die im Artikel erwähnte Burka-Übergabe bestätigen, ebenso wenig den Sitzkreis, in dem aus dem Koran vorgelesen worden sei. Im Übrigen hätten weder die Bildungsdirektion für Wien noch die Schulleitung die Möglichkeit einer Stellungnahme bekommen.

In einer schriftlichen Stellungnahme hielt der Ressortleiter der Wien-Ausgabe des Mediums fest, dass die anonym zitierte Lehrerin als verlässliche Informantin der „Krone“ bereits über viele Jahre persönlich bekannt sei. Vonseiten der Bildungsdirektion würden die Lehrer in vielen Belangen einen „Maulkorb“ verpasst bekommen und sich folglich nicht trauen, öffentlich zu kommunizieren. Die Lehrerin wollte sich aus genau diesen Gründen nicht „outen“.

Der Senat hält zunächst fest, dass in dem Artikel ein gesellschaftliches Thema von großem öffentlichem Interesse behandelt wird (vgl. Punkt 10.1 des Ehrenkodex für die österreichische Presse): Aus demokratiepolitischer Sicht ist es relevant, ob an öffentlichen (Volks-)Schulen religiös-fundamentalistische Tendenzen auftreten. Im Übrigen zählt es zu den Aufgaben von Journalistinnen und Journalisten, über Probleme im Schulwesen zu berichten; die Presse- und Meinungsfreiheit reicht hier besonders weit.

Zudem betont der Senat, dass früheren Entscheidungen des Presserats zufolge Zitate von Lehrerinnen und Lehrern auch anonym veröffentlicht werden dürfen, sofern diese wegen möglicher Konsequenzen an ihren Schulen um ein anonymes Auftreten gebeten haben.

Zum Vorwurf der Vertreterin der Bildungsdirektion, dass die Vorfälle im Nachhinein nicht bestätigt werden konnten, merkt der Senat Folgendes an: Der Ressortleiter des Mediums konnte im Verfahren glaubhaft darlegen, dass es sich bei der anonym zitierten Lehrerin um eine langjährige Informantin des Mediums handelt, deren Schilderungen als verlässlich einzustufen sind. Dafür, dass es die Vorfälle tatsächlich gegeben hat, spricht auch noch ein weiterer Umstand: Am Tag nach dem Erscheinen des Artikels wurde ein weiterer Artikel veröffentlicht, in dem die anonyme Lehrerin erneut zu Wort kam und auch ein privates Foto der „Burka“ abgebildet war.

Darüber hinaus überzeugen den Senat die Ausführungen des Ressortleiters, dass Lehrerinnen und Lehrer in einigen Belangen (politischen) Druck wahrnehmen und sich aus Angst vor Repressalien nicht trauen, Probleme im Schulwesen in der Öffentlichkeit anzuprangern. Vor dem Hintergrund kann es der Senat nachvollziehen, dass die Vorfälle im Nachhinein nicht bestätigt wurden bzw. sich die betroffene Lehrerin auch gegenüber der Schulleitung nicht zu erkennen gab. Der Senat merkt allerdings auch an, dass diese Frage im Nachhinein im Verfahren vor dem Presserat nicht restlos geklärt werden konnte.

Im Ergebnis liegen keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür vor, dass die anonymen Zitate der Lehrerin falsch bzw. vom Medium erfunden worden seien.

Auch wenn die Vorfälle für die Schule und die Bildungsdirektion unangenehm sein mögen, handelt es sich dabei nicht um Beschuldigungen, die gegenüber diesen Einrichtungen erhoben wurden. Nach Meinung des Senats richtet sich die im Artikel geäußerte Kritik nämlich primär gegen die Mutter mit der Burka und den Schüler, der aus dem Koran vorgelesen habe. Gemäß Punkt 2.3 des Ehrenkodex war es daher nicht erforderlich, eine Stellungnahme von der Schulleitung oder der Bildungsdirektion einzuholen.

Dennoch wäre es aus medienethischer Sicht wünschenswert gewesen, im Artikel auch die Bildungsdirektion oder zumindest die verantwortliche Schulleiterin zu Wort kommen zu lassen. Eine gewissenhafte Vorgehensweise nach Punkt 2.1 des Ehrenkodex erfordert es, der Öffentlichkeit möglichst unterschiedliche Standpunkte zu einem Sachverhalt darzulegen. Den Leserinnen und Lesern wäre dadurch klar gewesen, dass die Schule und die Bildungsdirektion von den Vorfällen nichts wussten und sich die Lehrerin auch bewusst nicht an ihre Vorgesetzten wandte. Der Aspekt ist für den öffentlichen Diskurs durchaus bedeutsam. Für die Feststellung eines Verstoßes gegen den Ehrenkodex reicht dieser Umstand allerdings nicht aus.

Der Senat hält es somit nicht für erforderlich, in dieser Angelegenheit weitere Schritte zu setzen und stellte das Verfahren ein. 

SELBSTÄNDIGES VERFAHREN AUFGRUND VON MITTEILUNGEN MEHRERER LESERINNEN UND LESER

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig.

Im vorliegenden Fall führte der Senat 3 des Presserats aufgrund von Mitteilungen mehrerer Leserinnen und Leser ein selbstständiges Verfahren durch. In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberinnen der „Kronen Zeitung“ und von „krone.at“ haben von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, Gebrauch gemacht.

Die Medieninhaberin der „Kronen Zeitung“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht anerkannt.

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