Wien (OTS) – Eine „freie Kirche in einer freien Gesellschaft“ – offen für alle politische Parteien und mit ausdrücklicher Zustimmung zur parlamentarischen Demokratie: Was die katholischen Bischöfe im „Mariazeller Manifest“ 1952 formulierten und für heutige Ohren selbstverständlich klingt, ist die Einsicht nach einem leidvollen Erfahrungsweg der katholischen Kirche in der Ersten Republik und unter der NS-Diktatur. Die „kreuz und quer“-Dokumentation „Kirchengeschichte in Rot-Weiß-Rot: Altar ohne Thron“ von Christian Rathner zeichnet diesen Weg am Dienstag, dem 6. Februar 2024, um 22.35 Uhr in ORF 2 nach, an dessen Beginn die Lösung des Bündnisses von „Thron und Altar“ nach Zerfall der Habsburgermonarchie stand und sich die Kirche nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der neuen gesellschaftlichen Situation konstruktiv zu stellen versuchte.
Der Umgang mit dem schweren Erbe der Zwischenkriegszeit und tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche beschäftigen die katholische Kirche in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Die prägende Gestalt Kardinal Franz König steht im Mittelpunkt der Dokumentation „Kirchengeschichte in Rot-Weiß-Rot: Die Ära König“ (23.25 Uhr), in der Regisseur Christian Rathner die Entwicklungen der katholischen Kirche – in Ökumene, gesellschaftlichen Fragen und ihren Positionen zur Politik – in der Zweiten Republik umreißt.
„Kirchengeschichte in Rot-Weiß-Rot: Altar ohne Thron“ – Ein Film von Christian Rathner
Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war für die katholische Kirche Österreichs eine besonders intensive Lernzeit. Nach dem Ersten Weltkrieg, der zum Zerfall der Monarchie führte, kam der Kirche der katholische Kaiser als Schutzherr abhanden. Das Bündnis von Thron und Altar löste sich notgedrungen auf. Die Kirche stand vor der Herausforderung, sich in einem ungewohnten politischen Umfeld zu behaupten. Dass sie sich dabei weigerte, kulturpolitische Positionen wie den kirchlichen Einfluss auf Schule und Ehe oder die Bezahlung der Priester durch den Staat aufzugeben, erwies sich als äußerlich hinderlich für eine friedliche Verständigung mit den weltanschaulichen Konkurrenten, allen voran den kirchenkritischen Sozialdemokraten. Der politische Katholizismus mit dem Priester-Kanzler Ignaz Seipel als Vorsitzendem der Christlichsozialen Partei fand sich bald in schweren innenpolitischen Auseinandersetzungen.
Christian Rathners Dokumentation beleuchtet im Wesentlichen die Zeit zweier Wiener Erzbischöfe. Kardinal Friedrich Gustav Piffl wurde genau wie sein Nachfolger, Kardinal Theodor Innitzer, in Böhmen geboren und gehörte der deutsch-tschechischen Minderheit an. Beide sahen sich vor gewaltigen Herausforderungen. Piffl wurde 1913 Erzbischof. Bald nach seinem Amtsantritt begann der Erste Weltkrieg, der mit dem Zerfall der Monarchie endete. Er erlebte die sich vertiefende politische Spaltung des Landes und den Brand des Justizpalastes 1927 als einen ersten Höhepunkt des Konflikts. Die dramatische soziale Lage sah er als Handlungsauftrag für die katholische Kirche.
Theodor Innitzer, der Piffl 1932 nachfolgte, war kaum im Amt, als Bundeskanzler Dollfuß im März 1933 das Parlament ausschaltete. Im Februar 1934 forderte die Niederschlagung des sozialdemokratischen Aufstands gegen das diktatorische Dollfuß-Regime Hunderte Todesopfer. Die katholische Kirche mit Innitzer an der Spitze begleitete das autoritäre Experiment des austrofaschistischen Ständestaates mit Wohlwollen und versuchte nach dem „Anschluss“ vergeblich, mit Hitler einen Modus Vivendi zu finden. Auf das Begleitschreiben zu einer von Gauleiter Bürckel den Bischöfen abgenötigten regimefreundlichen Erklärung schrieb Innitzer per Hand „Und Heil Hitler“. Er erwarb sich damit den Ruf eines Nazi-Bischofs, während ihn die Nationalsozialisten einen „Judenknecht“ nannten: Innitzer rief die „Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ ins Leben, die getaufte Juden in Rechtsfragen, Wohnungs- und Schulangelegenheiten, bei notwendiger ärztlicher Hilfe und, solange dies möglich war, bei den schwierigen Formalitäten für die Ausreise unterstützte. Indem der Kardinal die Hilfsstelle zudem unter seinen persönlichen Schutz stellte und im Innenhof des Erzbischöflichen Palais einquartierte, nahm er die Konfrontation mit den Nazis in Kauf.
Der Film schildert die Ereignisse vom Zerfall der Monarchie über die Erste Republik, den austrofaschistischen Ständestaat bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten. Am Ende steht ein Ausblick in die Nachkriegszeit. 1952 benannte das „Mariazeller Manifest“ die Lehren aus der Geschichte. Die Grazer Kirchenhistorikerin Michaela Sohn-Kronthaler, ihr Wiener Kollege Rupert Klieber und der Wiener Sozialhistoriker Florian Wenninger machen Ereignisse erlebbar, deren Auswirkungen heute noch spürbar sind.
„Kirchengeschichte in Rot-Weiß-Rot: Die Ära König“ – Ein Film von Christian Rathner
Er war eine der prägenden Gestalten Österreichs im 20. Jahrhundert:
Kardinal Franz König. Er setzte sich für eine Aussöhnung von katholischer Kirche und Arbeiterschaft ein. Und löste die römisch-katholische Kirche, die noch in der Zwischenkriegszeit eine Allianz mit dem autoritären Ständestaat eingegangen war, endgültig aus parteipolitischer Abhängigkeit. König knüpfte Kontakte zu Ländern hinter dem Eisernen Vorhang und war weltweit ein gefragter Gesprächspartner im interreligiösen Dialog. Als solcher setzte er sich auch während des Zweiten Vatikanischen Konzils für ein neues Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zum Judentum ein, initiierte als Leiter des vatikanischen Sekretariats eine Abteilung für Atheismusforschung an der Wiener Universität und gründete als Mann der Ökumene in Wien die Stiftung „Pro Oriente“. Der Film dokumentiert den Werdegang Franz Königs, zeigt Errungenschaften seiner Amtszeit ebenso wie das ernüchternde Ende einer Ära: Mit Hans Hermann Groër schlitterte die römisch-katholische Kirche in Österreich nach den Worten der Grazer Kirchenhistorikerin Michaela Sohn-Kronthaler in die „schwerste Krise seit 1945“.
Neben der Kirchenhistorikerin Michaela Sohn-Kronthaler kommen in Christian Rathners Dokumentation u. a. der Wiener Kirchenhistoriker Rupert Klieber, der Sozialhistoriker Florian Wenninger, der evangelische Kirchenhistoriker Leonhard Jungwirth, der Journalist und Buchautor Herbert Lackner („Als Schnitzler mit dem Kanzler stritt“) und der Theologe und Atheismusforscher Johann Figl („Leben nach 1945“) zu Wort. Persönliche und bisher wenig bekannte Einblicke gibt Annemarie Fenzl, langjährige Mitarbeiterin Königs und Leiterin des Kardinal-König-Archivs.
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