TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „PR-Desaster im Festspielhaus“, von Markus Schramek

Mit dem Hinauswurf des gesamten „Jedermann“-Ensembles erhält die hochglänzende, elitäre Fassade der Salzburger Festspiele einen tiefen Riss. Die Entscheidung wirkt abgehoben und keineswegs nachvollziehbar.

Salzburg ist mit seinen Festspielen der Nabel der sommerlichen Hochkultur. Das Festival an der Salzach wirkt wie ein unwiderstehlicher Magnet auf die A-Liga der Kulturgrößen, ob sie nun Asmik Grigorian heißen, Teodor Currentzis – oder eben Michael Maertens, der, wie sich nun herausstellt, „Jedermann“ nur eine Saison lang bleibt. Zu den Stars pilgerte heuer mehr als eine Viertelmillion internationaler Gäste: Reich und Schön, mit dem nötigen Kleingeld für die gesalzenen Ticketpreise.

Bei einem Budget von 70 Millionen Euro sind die Salzburger Festspiele auch ein knallhartes Wirtschaftsunternehmen. Die größte Cashcow von allen ist Hugo von Hofmannsthals reichlich angestaubtes, moralinsaures Schauspiel „Jedermann“. Fast 30.000 Menschen wollten vergangenen Sommer bei 14 Aufführungen dabei zusehen, wie der reiche Lebemann in Todesangst vom Saulus zum Paulus mutiert. Zum Vergleich: Bei den Innsbrucker Festwochen freute man sich über 11.000 zahlende Gäste – bei allen Programmpunkten zusammen.

 
Schon die Bekanntgabe der Besetzung wird medial groß inszeniert: Wer gibt den Jedermann, wer seine Buhlschaft mit ihrem roten Kleid und dem spärlichen Text? Mit Michael Maertens wurde nach Lars Eidinger und Tobias Moretti erneut ein Kapazunder verpflichtet, direkt vom Burgtheater, wo der Deutsche seit Jahren hoch im Kurs steht. 

Maertens erwies sich als seinem Sommer-Job bestens gewachsen. Er trug den „Jedermann“ phasenweise fast allein. An der Inszenierung von Regisseur Michael Sturminger – dessen dritte Version desselben Stoffs in den letzten sieben Jahren – schieden und rieben sich hingegen die Geister.

Doch was soll’s? Veröffentlichte Theaterkritik ist nicht das Evangelium, Geschmäcker sind verschieden. Und die Inszenierung hätte für den kommenden Sommer nachgebessert werden können. Jedenfalls gibt es keinen ersichtlichen Grund, das gesamte Ensemble, 50 Personen, vom Star bis zum Helferlein, per E-Mail in die Wüste zu schicken und dabei bestehende Zusagen und Verträge einfach zu übergehen. 

Festspielintendant Markus Hinterhäuser setzt sich in dieser peinlichen Lage vor eine TV-Kamera und erklärt im Ton eines Beichtvaters, dass der kumulierte Hinauswurf „keine frivole Entscheidung“ sei. Wie weltfremd kann man sein, wie abgehoben?

 
Mit dem „Jedermann“-Eklat erleben Salzburgs Festspiele ein PR-Desaster. Man fragt sich, was hinter der Fassade des auf Hochglanz polierten Mega-Events steckt. Der Image-Schaden ist angerichtet. Zu verantworten hat ihn der Intendant höchstpersönlich.

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