TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: „Die olympische Disziplin Sesselkleben“, von Florian Madl

Jeder Sportfunktionär will nur das Beste für den Sport, so mancher daneben auch noch das Beste für sein Ego. Die unwürdigen Szenen rund um heimische Verbandswahlen lassen jedenfalls keinen anderen Schluss zu.

   Der öffentlich ausgetragene Streit um Spitzenpositionen im heimischen Sport kennt nur einen Leidtragenden: den Sport selbst. Um welche Fachrichtung es sich zuletzt auch drehte – stets bestimmten Befindlichkeiten und Animositäten die Tonalität. Beim Österreichischen Skiverband entspann sich der Streit um die Nachfolge von Langzeit-Präsident Peter Schröcksnadel an der Allmacht des Tirolers selbst, dessen langer Arm die Neuwahl beeinträchtigte. Und im Fall des Österreichischen Fußball-Bunds wollte man sich zunächst auf keinen Kandidaten einigen, bis man mit Gerhard Milletich eine interne Lösung parat hatte. Als der Burgenländer im Zuge fragwürdiger Inseratenkeilerei zum Abgang gedrängt wurde, ging es von vorne los, selbst die Geschäftsführer spielten mit. Und nicht anders dieser Tage beim Österreichischen Olympischen Comité (ÖOC), dessen Präsident Karl Stoss „Führungskomfort“ einfordert und Kritikern damit Nahrung liefert. Was ist faul im Staate Österreich, dass dem Ehrenamt nicht Demut vorausgeht, sondern Befindlichkeit? Ist es so, wie Sportminister Werner Kogler das formulierte: dass aus Sicht mancher Funktionäre der Sport ihre Bedürfnisse zu stillen hat und nicht umgekehrt? Die Beobachtung der genannten Fälle lässt jedenfalls einige Schlüsse zu: Das Wahl- (oder Abwahl-)Procedere scheint nicht einmal bei den größten Verbänden des Landes genau geregelt. Wenn Wahlausschüsse öffentlich diskreditiert werden können, wenn Vorschläge nicht einmal unbeschadet zur Wahl kommen, dann offenbaren sich Lücken in den Statuten oder im Demokratieverständnis. Wenn Sesselkleben eine Disziplin wäre, so mancher heimische Funktionär brächte es darin selbst im hohen Alter noch zur Spitze.
   Die Professionalisierung in den Verbänden schreitet offensichtlich nicht in jenem Ausmaß voran, wie man es sich von einer mit mehreren Millionen Euro geförderten Institution erwarten kann. Das Ehrenamt trägt Österreichs Sport, allein in Tirol verrichten 15.000 ihren Dienst im Sinne der 2500 Vereine. Aber das gilt für die Basis, nicht für die Spitze einer Bundesvertretung.
Und zu guter Letzt: Wer gibt in Österreichs Sport die Richtung vor? Drei Dachverbände sollen sich um den Breitensport kümmern, bringen sich aber dieser Tage in die ÖOC-Wahl ein und erweitern damit die Zahl der Entscheidungsträger. Gleiches gilt für das Dickicht an Fördergebern, die man zwar zu bündeln sucht, die aber ebenso nach dem Gießkannenprinzip agieren. Weniger Befindlichkeit, mehr Kommunikation: Wie man es nicht macht, zeigten uns ÖSV, ÖFB und jetzt das ÖOC.

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