TIROLER TAGESZEITUNG „Leitartikel“ Ausgabe vom Mittwoch, 26. April 2023, von Anita Heubacher: „Schuld sind immer die anderen“

Was viele Klimaziele, egal, auf welcher Ebene, eint, ist, dass sie nicht erreicht werden. Das liegt daran, dass der Druck aus der Gesellschaft fehlt. Für den Klimaschutz gehen noch zu wenige auf die Straße oder kleben sich dort fest.

Umweltschutz macht so ein wohliges Gefühl: Bei Missachtung kann niemand direkt zur Verantwortung gezogen werden. Es gibt immer jemanden, der vermeintlich der noch größere Umweltsünder ist. Der Nachbar oder China oder die USA. Was postwendend dazu führt, dass man selbst kaum oder gar nichts beitragen muss. Beim Umweltschutz sind damit Gemeinden, Städte, Staaten und auch der Einzelne in „bester“ Gesellschaft. Man zeigt sich willig, formuliert Besserungen und Absichten, als öffentliche Körperschaft benennt man Klimaziele, schreibt sie nieder, um sie dann doch nicht einzuhalten. 
   So geschehen nach dem Pariser Klimaabkommen 2015, so geschehen mit fast allen Klimazielen, auf welcher Ebene auch immer, und so geschehen zuletzt in Österreich laut einem Bericht des Umweltbundesamtes. Die Reduktion der Treibhausgase, wie Österreich sie mit der EU vereinbart hat, ist, trotz des Ausbaus von erneuerbarer Energie und des anvisierten Aus für Verbrennermotoren, nicht zu schaffen. Statt 2030, wie vereinbart, wird es 2050. Achselzucken, kurze Aufregung und weiter im Programm. Ambitionierter werden Regierende kaum werden, daran ändern auch die angedrohten millionenschweren Strafzahlungen nichts. Denn bis die schlagend werden, sind die, die sie durch zu zaghaftes Vorgehen verursacht haben, sicher nicht mehr im Amt. Verfehlte Klimaziele sind für wohlhabende Staaten wie Österreich immer ein besonderes Armutszeugnis. Denn es zeigt, dass eine Gesellschaft sich kaum ändern mag, auch wenn der Verzicht nicht existenziell ist. 
   Ohne einen gesellschaftlichen Wandel und ein geändertes Konsumverhalten wird sich die Erderwärmung nicht aufhalten lassen. Nicht einmal, wenn die Regierenden mutiger wären. Eine effizientere Nutzung von Energie und die erreichten Gewinne durch Klimaschutz werden durch größere Wohnungen und schwere Autos wieder aufgefressen. Was wir durch Effizienzsteigerung erreichen, verplempern wir, weil wir noch mehr Energie verprassen. Das ist kein österreichisches Phänomen und in den reichsten Ländern unter Rebound-, wer es sportlich mag, oder Bumerang-Effekt bekannt. 
   Warum das Verfehlen von Klimazielen noch immer mit einem Achselzucken abgetan werden kann, lässt sich anhand der Aufregung ablesen. Die wird sich morgen legen und an anderer Stelle bis zur Empörung und Wut anwachsen. 
   Klimakleber haben ihre größte Protestwelle angekündigt und wollen im Mai drei Wochen lang Straßen blockieren. Das stört die Gesellschaft weitaus mehr in ihrem Komfort als die Erderwärmung.

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