Tiroler Tageszeitung, Kommentar, Ausgabe vom 10. Oktober 2022. Von Wolfgang Sablatnig. „Wenn sich große Elefanten einfach rarmachen“.

Das Prickeln eines Wahltages wollte sich gestern einfach nicht einstellen. Das gespannte Warten auf die erste Hochrechnung, die Debatten über die Gründe für Sieg oder Niederlage. Die Frage nach den Konsequenzen. Die Analysen von denen, die es schon immer gewusst haben und dennoch überrascht sind. Nichts.
Der Wahltag war genauso eigenartig wie der Wahlkampf. Sechs Kandidaten mühten sich, mit ihren Themen durchzudringen. Sie hatten aber ein gemeinsames Problem: Alexander Van der Bellen verweigerte sich. Aus Sicht des Amtsinhabers verständlich, die Vorgänger in der Präsidentschaftskanzlei haben es ihm vorgemacht. Die traditionelle „Elefantenrunde“ fand nicht statt. Zumindest schaffte es der ORF, alle sieben Kandidaten auf ein gemeinsames Foto zu bringen.
Van der Bellen beteuert, er wollte Schaden für das Amt vermeiden. Die Wahl hat er aber entwertet. „Man kennt mich ja“, sagte er dann. Eine seriöse Diskussion über Amt und Aufgabe des Präsidenten kam da gar nicht erst auf. Die Herausforderer wurden immer schriller, um dennoch Gehör zu finden.
Verweigert haben sich auch drei Parlamentsparteien. Vor allem SPÖ und ÖVP  geben sich gern staatstragend. Was bedeutet es dann, wenn sie erst gar keine Kandidatur um das Amt des Staatsober­haupts versuchen? Haben sie jeden Glauben an sich selbst und ihre Kampagnenfähigkeit verloren?
Der Wahltag ist vorbei. Jetzt sind sechs Jahre Zeit, die Lehren aus dem eigenartigen Wahlkampf zu ziehen. Die einstigen Volksparteien sollten sich gut überlegen, ob sie bei der einzigen Persönlichkeitswahl auf Bundesebene durch Abwesenheit glänzen wollen.
Auch der Wahl- und Bestellungsmodus muss zur Debatte stehen. Dass sich der große Elefant einfach rarmachen kann, dient weder dem Amt noch der Demokratie. Denn ganz so klein sind auch die anderen Elefanten nicht: Dominik Wlazny, Tassilo Wallentin und Gerald Grosz hätten es bei einer Nationalratswahl ins Parlament geschafft

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