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Wie die Uni Wien ihre Bücher ins Depot schickt – und was dabei verloren geht

Die Uni Wien lagert ihre Bücher aus. Was nach Organisation klingt, verändert Zugang, Architektur und die Idee der Universität.

Ein Buch aus dem Regal ziehen, die Seiten aufschlagen, wieder zurückstellen: An der Universitätsbibliothek Wien wird genau diese Selbstverständlichkeit gerade zur Ausnahme. Während die Bibliothek umgebaut wird, wandern große Teile des Bestands in ein Depot am Stadtrand. Offiziell klingt das vernünftig: mehr Platz, bessere Klimabedingungen, moderne Nutzung. Praktisch heißt es erst einmal: weniger Bücher vor Ort, längere Wege, mehr Zeitverlust. Und für viele Studierende ein kleiner, aber spürbarer Einschnitt in den Alltag.

Die Uni Wien ist mit rund 90.000 Studierenden die größte Universität Österreichs. Wer an einem so großen Ort Bücher nicht mehr direkt im Haus verfügbar hat, spürt den Effekt sofort: nicht alle arbeiten mit einer präzisen Liste, sondern mit Zufallsfunden, Querverweisen und dem berühmten einen Buch, das am Rand des Fachs plötzlich den Denkfehler erklärt. Genau dafür sind Freihandbestände wichtig. Ein Magazin am Stadtrand funktioniert anders. Es ist effizient, aber es ist kein Raum für Entdeckungen. Praktisch unsichtbar ist in diesem Fall kein Vorteil, sondern der Kern des Problems.

Dabei ist die Auslagerung von Büchern nicht nur eine Frage der Logistik, sondern auch eine Frage der Universität als öffentlichem Ort. Bibliotheken sind mehr als Ausgabestellen für Wissen. Sie sind Infrastruktur für soziale Mobilität. Wer aus einem beengten Wohnheim, einer kleinen Wohnung oder mit knappen Mitteln kommt, profitiert besonders von einem Ort, an dem Wissen ohne lange Vorbestellung und ohne zusätzliche Hürden verfügbar ist. Das ist keine romantische Vorstellung, sondern Alltagsrealität: Wer jeden Tag zwischen Job, Pendeln und Studium jongliert, braucht kurze Wege. Eine Bibliothek, die ihre Bestände aus dem Zentrum verbannt, verschiebt die Last nach außen. Nicht dramatisch, aber konsequent.

Es gibt allerdings eine Gegenposition, die man fair ernst nehmen sollte. Universitätsbibliotheken sind keine Museumsräume für Papiermengen. Bücher sind teuer, Altbauten sind eng, Brandschutz und Klimatisierung kosten Geld. Die Nutzungsgewohnheiten haben sich ohnehin verändert: Viele Recherchen laufen digital, viele Zeitschriften liegen längst online. Der Internationale Bibliotheksverband IFLA beschreibt Bibliotheken seit Jahren als hybride Orte, in denen physischer Bestand, digitale Zugänge und Lernräume nebeneinanderstehen. Wer also Flächen für Arbeitsplätze, Barrierefreiheit oder Gruppenräume gewinnt, löst nicht automatisch ein Problem, sondern kann eines schaffen: die Bibliothek als Arbeitsort zu stärken. Die Frage ist nur, was dafür geopfert wird.

Und genau hier wird es unbequem. Denn die Debatte wird oft so geführt, als stünde eine vernünftige, moderne Nutzung gegen eine sentimentale Liebe zum Buch. Das ist zu simpel. Der eigentliche Widerspruch liegt woanders: Eine Universität, die sich als offener Wissensraum versteht, sollte den Zugang zu ihren Beständen nicht erschweren, nur weil die Lagerung aus Sicht der Verwaltung bequemer ist. Ein Depot am Stadtrand ist für die Buchhaltung sauber. Für Forschung und Studium ist es ein Filter. Wer spontan vergleicht, blättert, entdeckt oder in Nachbarfächern sucht, verliert Zeit. Und Zeit ist im Studium keine Nebensache, sondern soziale Frage.

Hinzu kommt ein Punkt, der leicht übersehen wird: Mit den Büchern verschwindet auch die Architekturgeschichte eines Ortes. Die Universitätsbibliothek ist nicht bloß ein Container mit Regalflächen. Sie ist Teil eines historischen Ensembles, das Wissen sichtbar gemacht hat. Wenn Bücher aus den Sälen verschwinden, verändert sich nicht nur die Nutzung, sondern die Bedeutung des Raums. Ein Saal voller Bücher signalisiert Konzentration, Kontinuität, Öffentlichkeit. Ein leerer oder ausgedünnter Saal signalisiert etwas anderes: Effizienz, Verwaltung, Optimierung. Das mag modern klingen. Es ist aber auch ärmer.

Natürlich muss nicht jedes Buch im historischen Hauptgebäude stehen. Niemand braucht die komplette Weltliteratur auf drei Etagen verteilt, nur damit es schöner aussieht. Aber die Universität Wien sollte sich der politischen Wirkung ihrer eigenen Ordnung stellen. Wenn der Bestand ausgelagert wird, dann bitte mit schnellen Bestellwegen, transparenten Fristen und einer echten Garantie, dass selten genutzte Bücher nicht im Depot verschwinden, sondern im Alltag erreichbar bleiben. Sonst wird aus der räumlichen Neuordnung eine stille Umverteilung: weg vom direkten Zugang, hin zur geduldigen Verwaltung des Wissens.

Am Ende ist die Sache ziemlich einfach und ziemlich ungemütlich: Eine Universität, die ihre Bücher zu weit weglegt, spart Platz, aber nicht unbedingt Denken. Und wenn der Weg zum Buch künftig länger ist als der Weg zur nächsten Online-Suche, dann hat die Uni Wien nicht nur Regale ausgelagert, sondern ein Stück ihres öffentlichen Anspruchs gleich mit.