Ein Brief mit einer Klagedrohung kann in der Praxis mehr Wirkung haben als ein verlorenes Verfahren. Genau darauf setzen Slapp-Klagen: nicht unbedingt auf den Sieg vor Gericht, sondern auf Zeit, Kosten und Einschüchterung. Wer kritische Berichte, Recherchen oder NGO-Arbeit teuer macht, muss die Wahrheit nicht mehr widerlegen. Es reicht oft, sie zu verlangsamen. Ein kleines, sehr effizientes Geschäftsmodell. Leider eines mit Demokratierisiko.
Die EU hat darauf reagiert. Mit der Anti-SLAPP-Richtlinie sollen Medien, Aktivistinnen und andere öffentliche Wachhunde besser geschützt werden, wenn Klagen offenbar vor allem dazu dienen, Kritik zu ersticken. Das ist kein Symbolgesetz. Es geht um frühe Zurückweisung, um Kostenschutz und darum, missbräuchliche Verfahren nicht jahrelang durchzuwinken. Für den Binnenmarkt ist das relevant, aber für die Praxis noch mehr: Wer publiziert, forscht oder Missstände aufdeckt, braucht einen realen Schutzschirm, nicht einen Folder für gute Vorsätze.
Österreich stockt bei der Umsetzung. Genau das ist das Problem. Halbe Lösungen wirken auf dem Papier ordentlich, in der Realität aber nur dann, wenn niemand sie testet. Doch Slapp-Klagen sind gerade darauf ausgelegt, getestet zu werden. Eine kleine Redaktion, ein Lokalmedium oder eine NGO kann sich keine jahrelange Rechtsverteidigung leisten. Der Schaden entsteht nicht erst beim Urteil, sondern schon bei der Drohung davor. Das ist der blinde Fleck vieler Debatten: Wir reden über Pressefreiheit, als ginge es nur um Gesetze. In Wahrheit geht es auch um Liquidität.
Eine wenig beachtete Einsicht dabei: Slapp-Klagen treffen nicht nur die lautesten Kritiker, sondern vor allem die organisatorisch schwächeren. Große Medienhäuser können Verfahren noch irgendwie einpreisen. Kleine Akteure nicht. Genau deshalb ist es unternehmerisch unklug, den Schutz nur halbherzig zu bauen. Wer Informationsfreiheit ernst nimmt, muss auch die Marktstruktur sehen, in der sie stattfindet. Sonst wird aus Recht auf Kritik ein Luxusprodukt für jene, die sich Anwälte leisten können. Ein ziemlich teurer Freiheitsbegriff.
Natürlich gibt es ein Gegenargument: Nicht jede Klage gegen Medien oder NGOs ist automatisch Missbrauch. Unternehmen, Privatpersonen und Institutionen haben ein legitimes Interesse daran, sich gegen falsche Behauptungen zu wehren. Das stimmt. Aber diese Selbstverständlichkeit taugt nicht als Ausrede, um ein Schutzsystem so weich zu halten, dass es die Falschen trifft. Ein guter Anti-SLAPP-Mechanismus unterscheidet sauber zwischen berechtigter Rechtsdurchsetzung und Einschüchterung. Wer beides gleich behandelt, schützt am Ende vor allem die Mächtigen, die genug Geduld und Budget haben.
Genau hier liegt der praktische Kern: Die Kostenfrage ist kein Nebenschauplatz, sondern das eigentliche Machtinstrument. Wer Missbrauch verhindern will, braucht kurze Verfahren, klare Kriterien und echte finanzielle Hürden gegen taktische Klagen. Alles andere bleibt eine höfliche Einladung an diejenigen, die Kritik nicht entkräften, sondern verteuern wollen. Österreich muss deshalb mehr tun als EU-Vorgaben minimal umzusetzen. Sonst wird aus dem Schutz vor Slapp-Klagen ein Symbol mit Fußnote. Und die wäre dann bitter: Wer Öffentlichkeit verteidigen will, darf Einschüchterung nicht nur missbilligen. Er muss sie so teuer machen, dass sie sich nicht mehr lohnt.

