Es braucht heute erstaunlich wenig, um als neu zu gelten: ein paar Synthesizer mit Sonnenbrille, eine Bassline wie aus einem verbeulten Sportcoupé und ein Look, der so tut, als wäre die Zeit 1983 stehen geblieben. Genau das liefern Mind Enterprises auf ihrem Album Negroni Love – und genau deshalb kommen sie jetzt nach Wien. Die Italo-Disco ist wieder da. Oder präziser: Sie ist wieder verwertbar.
Das ist nicht bloß eine Pop-Laune, sondern ein ziemlich gutes Beispiel dafür, wie Musik in der Gegenwart zirkuliert. Was früher als billig, glatt und leicht peinlich galt, wird heute mit Retro-Aura aufgeladen. Aus dem angeblich schlechten Geschmack wird plötzlich Stil. Aus dem Futter für die Tanzfläche wird ein Medienereignis. Und aus einem Duo, das bewusst mit grellem 80er-Jahre-Kitsch spielt, macht man schnell eine kleine kulturelle Sensation. Ein bisschen wie eine Boutique, die Discokugeln als Haltung verkauft.
Mind Enterprises bedienen genau diese Logik: gefladerte, glänzende, bewusst künstliche Tanzmusik, die nicht nach Authentizität fragt, sondern nach Tempo. Das ist an sich nicht das Problem. Im Gegenteil: Gerade in einer Zeit, in der viele Popproduktionen vor lauter Kalkül und Klangpolitur kaum noch Körper haben, ist solche Musik angenehm direkt. Sie will nicht tiefgründig sein, sondern funktionieren. Das kann befreiend sein. Aber man sollte ehrlich bleiben: Der Witz der Italo-Disco war immer auch, dass sie nie so tat, als wäre sie wertvoll. Sie war hitzig, flach, billig produziert und gerade dadurch reizvoll.
Die Rückkehr dieses Sounds ist deshalb mehr als bloße Nostalgie. Sie zeigt auch, wie sehr Musik heute über Erinnerung, Bilder und Algorithmen verkauft wird. Plattformen bevorzugen Erkennungseffekte. Wer in den ersten Sekunden nach 1980 klingt, wird schneller eingeordnet, gespeichert, geteilt. Die Folge: Der Stil wird wichtiger als die Substanz. Das ist medienkritisch der eigentliche Punkt. Nicht, dass Italo-Disco wieder klingt wie früher. Sondern dass sie im heutigen Medienbetrieb vor allem als sofort lesbares Zeichen funktioniert. Die Vergangenheit ist kein Archiv mehr, sondern ein Filter.
Ein interessanter Widerspruch liegt genau darin: Ausgerechnet Musik, die einmal für Leichtigkeit, Flucht und Nacht stand, wird heute oft als cleveres Kulturprodukt vermarktet. Das hat einen Haken. Denn je stärker Retro-Sounds als Haltung verkauft werden, desto weniger geht es um das Tanzerlebnis selbst. Dann wird aus dem Club ein Ausstellungsraum für Zitate. Wer nur noch ironisch auf den Neon-Kitsch blickt, tanzt am Ende zu seiner eigenen kulturellen Überlegenheit. Das klingt gebildet, ist aber meistens ziemlich unpraktisch.
Es gibt allerdings auch eine Gegenposition, die man ernst nehmen sollte. Nicht jeder Rückgriff auf die 80er ist bloß kalkulierter Nostalgieverbrauch. Für viele Hörerinnen und Hörer bietet Italo-Disco etwas, das im heutigen Pop oft fehlt: Offenheit, Eskapismus, das fast kindliche Recht auf Übertreibung. Gerade in sehr ernsten Zeiten ist das kein Fehler. Musik darf leicht sein. Sie darf sogar billig wirken, wenn sie dadurch direkt wird. Und bei aller Ironie: Eine gute Bassline ist immer noch überzeugender als ein schlecht versteckter Kulturpessimismus.
Doch der Medienhype rund um solche Acts folgt oft einem Muster, das man kennen sollte. Erst wird das vermeintlich Randständige als geheimnisvoller Geheimtipp inszeniert. Dann wird es als wiederentdeckter Stil verkauft. Am Ende bleibt von der angeblichen Rebellion ein ziemlich bequemes Produkt für ein Publikum, das sich gern als geschmackssicher versteht. Dass das alles in Wien funktioniert, überrascht nicht: Die Stadt liebt seit Jahren ästhetische Wiederverwertbarkeit, sofern sie mit einem Hauch internationaler Coolness serviert wird. Der Abend ist dann retro, aber bitte mit kulturjournalistischer Absolution.
Was dabei leicht untergeht: Italo-Disco war historisch auch ein Raum für europäische Pop-Improvisation jenseits der angloamerikanischen Hauptachsen. Italienische Produzenten, Studiomusiker und DJs arbeiteten mit kleinen Mitteln, aber großer Fantasie. Das ist eine der besseren Geschichten hinter dem Genre: nicht die romantische Rückkehr des Vergangenen, sondern die Fähigkeit, aus wenig etwas Eigenes zu bauen. Genau deshalb ist es schade, wenn man den Stil heute nur noch als ironisches Accessoire konsumiert. Dann verliert er seinen sozialen und kulturellen Witz.
Mein Eindruck aus der Praxis ist daher zweigeteilt: Ja, Mind Enterprises können auf der Bühne genau jene freche, körperliche Energie liefern, die viele aktuelle Pop-Formate vermeiden. Nein, man sollte den Hype nicht mit Bedeutung verwechseln. Die Italo-Disco ist nicht zurück, weil eine große kulturelle Wahrheit wiederentdeckt wurde. Sie ist zurück, weil sie sich hervorragend als schnell verständliche Oberfläche eignet. Das ist musikalisch reizvoll und medial bequem zugleich – also geradezu perfekt für unsere Gegenwart.
Und vielleicht ist genau das die unbequeme Pointe: Die Italo-Disco zeigt nicht, dass wir endlich wieder guten Geschmack haben, sondern dass wir gelernt haben, Nostalgie so glatt zu verpacken, bis sie wie Gegenwart aussieht. Wer in Wien zu Mind Enterprises tanzt, darf das natürlich genießen. Aber man sollte nicht so tun, als wäre der blinkende Retro-Rausch schon Widerstand. Meist ist er vor allem eines: eine sehr elegante Art, den alten Kitsch noch einmal gewinnbringend zu verkaufen.

