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Florentina Holzinger und die Biennale: Wenn radikale Performance zur Staatsräson wird

Florentina Holzinger bei der Biennale Venedig: Warum ihre Körperkunst fasziniert, provoziert und auch unbequeme Fragen nach Ethik stellt.

Wenn Florentina Holzinger auftritt, ist das Publikum selten bloß Zuschauer. Es wird Zeuge, Mitwisser, manchmal auch Komplize. Genau darin liegt die Wucht ihrer Arbeit: Seit 2010 verschiebt die Wiener Performerin, Tänzerin und Regisseurin die Grenze zwischen Tanz, Theater und körperlicher Zumutung so konsequent, dass man sich dem Spektakel kaum entziehen kann. Nun vertritt sie Österreich bei der Biennale in Venedig. Das ist ein logischer, aber auch bezeichnender Schritt: Aus der einstigen Randfigur der Performancekunst ist eine internationale Marke geworden. Und ja, das ist künstlerisch verdient. Es ist aber auch ein Anlass, genauer hinzusehen.

Holzinger steht für eine Form von Körperkunst, die nicht dekorativ sein will. Ihre Arbeiten verhandeln Schmerz, Macht, Verletzlichkeit, Sexualität, Gewalt und Selbstermächtigung nicht im sicheren Abstand, sondern am eigenen Leib. Wer etwa an Produktionen wie A Divine Comedy oder Tanz denkt, erkennt ein Muster: Der Körper ist hier nicht nur Material, sondern Argument. Das ist in der Szene längst bekannt, im breiteren Kulturbetrieb aber immer noch irritierend. Und genau diese Irritation hat ihren Wert. Denn die Kunstwelt liebt gerne das Radikale, solange es ordentlich gerahmt und im Museumssaal gut beleuchtet ist. Holzinger macht es ungemütlicher.

Die ethische Frage beginnt dort, wo das Spektakel zum Selbstzweck werden könnte. Gerade in der zeitgenössischen Performancekunst ist die Versuchung groß, Grenzüberschreitung mit Relevanz zu verwechseln. Nicht jede Verletzung auf der Bühne ist eine Erkenntnis, nicht jede Nacktheit ein Befreiungsschlag. Holzinger umgeht dieses Problem nicht immer, aber sie nimmt es ernst. Ihre Arbeiten wirken deshalb oft so stark, weil sie den Preis der Freiheit nicht romantisieren. Da stehen Körper, die sichtbar trainiert, belastet und diszipliniert sind. Man spürt Professionalität, nicht bloß Provokation. Als jemand, der seit Jahren Projekte zwischen Bühne, Institution und Publikum beobachtet, würde ich sagen: Der Unterschied zwischen billiger Schockästhetik und ernsthafter Körperarbeit liegt nicht im Tabubruch, sondern in der Präzision. Die hat Holzinger.

Gleichzeitig sollte man den Mythos der radikalen Einzelkünstlerin nicht zu glatt erzählen. Solche Karrieren entstehen nie im luftleeren Raum. Sie werden ermöglicht durch Förderstrukturen, internationale Festivals, ein Publikum mit hoher Toleranz für Zumutungen und eine Kulturpolitik, die sich gern auf mutige Namen beruft, wenn sie weltweit sichtbar sein will. Österreich präsentiert sich mit Holzinger als offen, progressiv und experimentierfreudig. Das ist sympathisch. Aber es ist auch bequem: Die Provokation wird exportiert, die Konflikte vor Ort bleiben oft im Schatten. Man feiert die Unangepasste in Venedig und fragt zuhause erstaunlich selten, wie prekär die Bedingungen für freie Szene, Tanz und Performance tatsächlich sind.

Eine überraschende, oft übersehene Pointe liegt darin, dass Holzingers Erfolg nicht nur gegen das Establishment spricht, sondern auch von ihm abhängt. Die radikale Geste braucht ein System, das sie aushält. Ohne die Institutionen, die sie einladen, finanzieren und kanonisieren, wäre ihre Kunst nicht weniger ernst, aber deutlich weniger sichtbar. Das ist kein Vorwurf, sondern eine nüchterne Beobachtung. Die Biennale ist eben nicht der Ort außerhalb der Macht, sondern einer ihrer elegantesten Schauplätze.

Fairerweise muss man sagen: Wer Holzinger nur auf Provokation reduziert, verfehlt den Kern. Ihre Arbeiten öffnen einen Raum, in dem weibliche Körper nicht geschmückt, sondern als handelnde, riskierende, kontrollierende Körper erscheinen. Das ist politisch, ohne Parole zu sein. Es verschiebt den Blick weg von der alten Frage, ob etwas zu viel ist, hin zu der wichtigeren Frage, wer den Preis des Zu viel zahlt. Und hier wird es unbequem: Das Publikum kann sich an Empörung wärmen, aber die eigentliche Leistung liegt darin, dass die Inszenierung den Körper nicht als Symbol missbraucht, sondern als Wirklichkeit ernst nimmt. Das ist selten. Und es ist anstrengend, was in der Kunst meist ein gutes Zeichen ist.

Am Ende bleibt eine klare Haltung: Florentina Holzinger ist keine bloße Skandalfigur und keine gefällige Repräsentantin österreichischer Gegenwartskunst. Sie ist eine Künstlerin, die den Luxus der Distanz verweigert. Das ist ihr Verdienst. Die unbequeme Konsequenz daraus lautet allerdings auch: Wer ihre Arbeit feiert, muss sich gleichzeitig fragen lassen, warum radikale Körperkunst oft erst dann ernst genommen wird, wenn sie auf der großen Bühne von Venedig angekommen ist. Vielleicht ist nicht Holzinger die Provokation. Vielleicht ist es eher das System, das sie erst dann liebt, wenn es daraus einen Prestigeerfolg machen kann.