ORF-Dauerfeuer zum Song Contest: Warum die Party auch Regulierung ist | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

ORF-Dauerfeuer zum Song Contest: Warum die Party auch Regulierung ist

0 85

Am Sonntag beginnt der offizielle Festakt zum 70. Song Contest mit der Opening Ceremony, und plötzlich sieht der europäische Medienzirkus wieder ganz harmlos aus: Glasstudio, rote Läufer, Mr. Song Contest, ein paar Allzeitgrößen, dazu Nostalgie als Sonderformat. Der ORF liefert im Takt des Ereignisses, wie es sich für einen Gastgeber gehört. Nur ist die hübsche Oberfläche eben nicht nur Show, sondern auch Medienpolitik mit Glitzerlack.

Der Eurovision Song Contest ist seit Jahrzehnten mehr als ein Liederwettbewerb. Er ist eines der letzten paneuropäischen Live-Formate, die quer durch Sprachgrenzen und politische Lager funktionieren. Genau deshalb ist er für öffentlich-rechtliche Sender so wertvoll. Der ORF nutzt den Wettbewerb heuer nicht nur als Event, sondern als Programmmotor: Sondersendungen, Hintergrundformate, Live-Schalten, Retro-Momente. Das ist nachvollziehbar. Wer ein Ereignis dieser Größenordnung ausrichtet, will es auskosten, bis die letzte Konfetti-Kanone leer ist.

Aber der Dauerbetrieb zeigt auch ein regulatorisches Problem, das in der Euphorie gern untergeht: Der Song Contest ist längst ein gigantisches öffentlich finanziertes Medienprodukt, dessen Legitimation ständig neu erklärt werden muss. In Österreich beträgt die ORF-Haushaltsabgabe seit 2024 15,30 Euro pro Monat und Hauptwohnsitz, also 183,60 Euro im Jahr. Das ist kein astronomischer Betrag, aber auch kein Kulturbonbon, das man im Vorbeigehen vergisst. Wer so finanziert wird, muss gerade bei Großevents zeigen, warum ausgerechnet diese Show etwas ist, das der Markt allein nicht liefert.

Genau hier wird es interessant. Die übliche Verteidigung lautet: Der Song Contest stiftet Gemeinschaft, bringt Sichtbarkeit für europäische Öffentlichkeit und ist ein seltenes Live-Ereignis ohne die Zersplitterung, die Streaming und Social Media sonst erzeugen. Das stimmt. Der ESC ist eines der wenigen Formate, bei dem noch Millionen gleichzeitig zuschauen. Nach Angaben der European Broadcasting Union erreichte der Eurovision Song Contest 2024 weltweit 163 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer über 37 Märkte. Solche Reichweite bekommt kaum ein anderes kulturelles Live-Format ohne Paywall hin. Aus Sicht des Public Service ist das ein starkes Argument.

Nur folgt daraus nicht automatisch, dass jeder zusätzliche Vorbericht, jedes Nostalgie-Special und jede Wiederholung der Wiederholung sinnvoll ist. Ein öffentlich-rechtlicher Sender darf sich eben nicht nur fragen, was Aufmerksamkeit bringt, sondern auch, was davon noch öffentlicher Auftrag und was schon Event-Reflex ist. Die Grenze ist unscharf, aber sie existiert. Und sie wird umso wichtiger, je stärker ein Sender in der Logik des Spektakels arbeitet. Ein bisschen wie beim Buffet: Irgendwann ist die dritte Portion nicht mehr Information, sondern bloß ein Zeichen von Verfügbarkeit.

Der unbequeme Punkt ist, dass der Song Contest auch als kulturelle Ausnahmeregel funktioniert. Man akzeptiert dort Dinge, die man im Tagesbetrieb viel schärfer prüfen würde: massive Inszenierung, enorme Produktionskosten, eine fast rituelle Wiederholung der gleichen Bilder. Das ist nicht per se schlecht. Aber es macht öffentlich-rechtliche Anstalten anfällig für Selbstvergessenheit. Wenn der ORF den Wettbewerb als permanenten Ausnahmezustand behandelt, wirkt das schnell wie ein Argument für sich selbst: Wir senden viel, also sind wir wichtig. Regulierung funktioniert aber umgekehrt. Zuerst kommt die Begründung, dann die Reichweite.

Dazu kommt ein zweiter, oft übersehener Aspekt: Der Song Contest ist auch ein Modell dafür, wie europäische Regeln kulturelle Vielfalt überhaupt erst ermöglichen. Die EBU setzt auf ein dichtes Regelwerk bei Teilnahme, Showgestaltung, Voting und Produktionsstandards. Das wirkt trocken, ist aber der Grund, warum der Wettbewerb nicht einfach zum Markt der lautesten Budgets verkommt. Gerade im Jahr 2024, als die EBU wegen des israelischen Beitrags und der geopolitischen Lage unter Druck stand, wurde sichtbar, dass der ESC kein unpolitischer Wohlfühlraum ist. Die Behauptung, man könne Politik draußen halten, ist eine jener europäischen Nettigkeiten, die an der Realität regelmäßig scheitern.

Gleichzeitig wäre es bequem, den ORF nur als großen Lärmveranstalter zu kritisieren. Das wäre zu billig. In einer Medienordnung, in der Plattformen Aufmerksamkeit privatisieren und Algorithmen Öffentlichkeit sortieren, ist ein gemeinsam finanzierter Sender für ein Live-Ereignis wie den Song Contest tatsächlich ein Gegengewicht. Der Wettbewerb schafft einen seltenen Moment kollektiver Gleichzeitigkeit. Das ist kulturpolitisch nicht trivial, sondern ein Stück demokratische Infrastruktur. Nur darf man diese Infrastruktur nicht mit Programmautomatik verwechseln.

Die eigentliche Frage ist daher nicht, ob der ORF den Song Contest groß inszenieren soll. Natürlich soll er das. Die Frage ist, ob er dabei noch zwischen öffentlichem Auftrag und Eigenrausch unterscheiden kann. Wenn ein Sender in der Woche des ESC nur noch in Superlativen spricht, ist das verständlich, aber auch verräterisch. Dann wird aus dem Programmauftrag eine Selbsterzählung: Seht her, wie viel wir können. Das ist nett. Es ist aber keine ausreichende Begründung für öffentliches Geld.

Der Song Contest bleibt ein rares, sinnvolles Massenereignis. Gerade deshalb sollte der ORF ihn nicht nur feiern, sondern auch aushalten, dass Größe eine Begründung braucht. Ein öffentlich-rechtlicher Sender ist kein Fanclub mit Gebühreneinzug. Und wenn das Dauerfeuer zum Showfeuerwerk wird, dann darf man ruhig fragen, wer hier eigentlich wen bejubelt: die Öffentlichkeit den ORF oder der ORF vor allem sich selbst.

Weiterführende Links

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.