Iran, Kriegsrhetorik und das Geschäft mit der Hoffnungslosigkeit | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Iran, Kriegsrhetorik und das Geschäft mit der Hoffnungslosigkeit

0 83

Wenn beim Thema Iran sofort über Luftschläge, Vergeltung und Abschreckung gesprochen wird, klingt das oft entschlossen. Es ist aber vor allem bequem. Bequem für Politiker, die Handlungsfähigkeit zeigen wollen. Bequem für Kommentatoren, die Komplexität in zwei Sätze pressen. Und bequem für alle, die glauben, ein Konflikt lasse sich wie ein defekter Schalter mit Gewalt lösen. Genau dagegen richtet sich der Satz von Mirjana Spoljaric Egger vom Roten Kreuz: Es gibt keine militärische Lösung.

In der ZiB 2 warnte die IKRK-Präsidentin davor, dass die Verrohung des humanitären Völkerrechts zu den größten Sicherheitsgefahren gehöre. Das ist kein moralischer Nebensatz, sondern eine nüchterne Diagnose. Denn sobald Kriegsrhetorik Menschen nur noch als Zielobjekte, Kollateralschäden oder legitime Druckpunkte behandelt, sinkt die Hemmschwelle für Eskalation. Und mit ihr sinkt fast immer auch die ökonomische Vernunft.

Der Iran ist dafür ein besonders unbequemer Fall. Das Land ist nicht nur geopolitisch relevant, sondern wirtschaftlich tief verwundbar. Laut Weltbank lebten 2022 rund 28,9 Prozent der Iranerinnen und Iraner unter der nationalen Armutsgrenze. Die Inflation war über Jahre hoch und unruhig; die offizielle Teheraner Statistik und internationale Schätzungen unterscheiden sich in Details, aber die Richtung ist klar: Das Leben ist für viele Menschen bereits jetzt teuer, unsicher und planungsfeindlich. Ein Krieg würde diese Unsicherheit nicht beheben, sondern multiplizieren.

Das gilt nicht nur für den Iran selbst. Die IEA nennt den Iran mit einer Förderung von rund 3,0 bis 3,3 Millionen Barrel pro Tag in den vergangenen Jahren einen wichtigen Rohölproduzenten, auch wenn die Exporte durch Sanktionen stark eingeschränkt bleiben. Schon die bloße Gefahr einer Eskalation im Golf treibt Ölpreise, Versicherungsprämien und Frachtraten. Die Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil des weltweit gehandelten Erdöls und LNGs läuft, ist kein Symbol, sondern eine Preismaschine. Wer dort einen Brand entfacht, bezahlt ihn nicht nur in Raketen, sondern an Tankstellen, in Fabriken und in Lieferketten.

Das ist die wirtschaftliche Pointe, die in Debatten über den Iran oft untergeht: Krieg wirkt selten dort, wo seine Befürworter Wirkung versprechen. Militärische Angriffe können Anlagen zerstören, Offiziere ausschalten oder Infrastruktur beschädigen. Sie können aber kein politisches System stabilisieren, keine verlässliche Wirtschaftsordnung herstellen und keine gesellschaftliche Loyalität erzwingen. Im Gegenteil: Je mehr ein Land angegriffen wird, desto leichter gewinnen Hardliner die Deutungshoheit. Das Regime kann dann von außen bedrohter wirken, als es innerlich tatsächlich ist. Ein alter Trick, der leider immer wieder funktioniert.

Die Gegenposition ist bekannt und nicht völlig falsch. Wer auf Irans Raketenprogramm, auf die Unterstützung von Milizen in der Region oder auf Menschenrechtsverletzungen verweist, liegt nicht daneben. Der Iran ist kein unschuldiger Akteur, und Verhandlungen ohne Druck sind oft nur diplomatische Tapete. Auch das Atomabkommen JCPOA zeigte 2015, dass Kontrolle und Begrenzung möglich sind, aber eben nur, solange beide Seiten einen Preis für die Einhaltung und einen noch höheren Preis für den Bruch erkennen. Als die USA 2018 aus dem Abkommen ausstiegen, fiel nicht der Himmel sofort ein, aber das Vertrauen in belastbare Zusagen gleich mit. Das war wirtschaftlich fatal, weil Investitionen und Handel gerade im Iran extrem sensibel auf politische Unberechenbarkeit reagieren.

Doch aus dieser berechtigten Skepsis folgt nicht automatisch der Ruf nach Gewalt. Das ist der blinde Fleck in vielen sicherheitspolitischen Debatten: Militärische Stärke wird mit politischer Lösung verwechselt. Tatsächlich verschiebt Gewalt oft nur das Problem. Sie kann kurzfristig Kapazitäten zerstören, aber langfristig Märkte verunsichern, Flüchtlingsbewegungen auslösen und regionale Stellvertreterkonflikte verschärfen. Wer den Iran bombardieren will, sollte erklären, wie danach Banken, Häfen, Energieinfrastruktur und Versorgung funktionieren sollen. Bislang lautet die ehrliche Antwort darauf meist: irgendwie. Das ist kein Plan, das ist eine Hoffnung mit Sprengstoff.

Ein zweiter, weniger offensichtlicher Punkt betrifft das humanitäre Völkerrecht selbst. Seine Schwächung ist nicht bloß ein ethisches Drama, sondern ein wirtschaftlicher Risikofaktor. Denn wenn Regeln im Krieg immer weniger gelten, steigen die Kosten für alle Konfliktparteien und für alle, die mit ihnen handeln oder in ihrer Nähe leben. Lieferketten werden unsicherer, humanitäre Hilfe teurer, Versicherungen restriktiver, Investitionen vorsichtiger. Das Problem endet also nicht an der Frontlinie. Es wandert in Haushalte, Märkte und Budgets. Kriegsrhetorik ist deshalb nicht nur gefährlich, sie ist auch ein erstaunlich teurer Weg, Unsicherheit zu produzieren.

Gerade deshalb ist Spoljaric Eggers Satz mehr als Rotkreuz-Normativität. Er ist realistisch. Wer den Iran als rein militärisches Problem behandelt, verwechselt Macht mit Lösung und Zerstörung mit Strategie. Eine harte Linie kann nötig sein, auch Sanktionen können legitim sein, wenn sie zielgerichtet und überprüfbar bleiben. Aber wer ernsthaft glaubt, der Weg zur Stabilität führe über begrenzte Schläge, hat aus Irak, Afghanistan und Libyen vor allem eines nicht gelernt: Dass es für zerstörte Staaten fast immer eine Rechnung gibt, nur selten einen Sieger.

Die unbequeme Konsequenz lautet deshalb: Im Iran ist nicht die militärische Lösung unrealistisch, sondern ihre politische Vermarktung. Sie verkauft Entschlossenheit, produziert aber vor allem mehr Armut, mehr Kontrolle, mehr regionale Unsicherheit und am Ende höhere Kosten für alle, die angeblich geschützt werden sollen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.