Montagmorgen, 8.15 Uhr. In einem Newsroom läuft schon wieder dieselbe stille Hektik: Das CMS ist träge, die Paywall zickt, das Video-Tool spricht nicht mit dem Audio-Tool, und die IT erklärt, man arbeite an einer Lösung. Seit Monaten. In vielen europäischen Medienhäusern ist das kein Ausnahmefall, sondern Alltag. Genau hier liegt der blinde Fleck in der Debatte über Medienförderung: Nicht nur Inhalte fehlen Geld, sondern auch die Technik, auf der Inhalte überhaupt noch ankommen.
Die Sache ist unbequem einfach. Die großen Plattformen kontrollieren Reichweite, Daten und Werbegeld. Google und Meta bleiben trotz Rückgängen in manchen Märkten die dominanten Werbe- und Distributionskanäle; zugleich fließen europaweit nach Schätzungen von Branchenverbänden und Marktanalysen weiterhin große Teile der digitalen Werbung an wenige US-Konzerne. Wer als kleiner oder mittlerer Verlag dagegenhalten will, braucht mehr als journalistische Qualität. Er braucht gemeinsame Infrastruktur: Login-Systeme, Datenräume, Paywall-Technik, Empfehlungslogiken, Werbeprodukte, Audio- und Video-Distribution, vielleicht sogar gemeinsame Standards für KI-gestützte Recherche und Archivierung.
Genau daran scheitert Europa seit Jahren mit einer Mischung aus Stolz und Kleinteiligkeit. Jedes Haus baut seine eigene Lösung, oft aus Angst vor Kontrollverlust. Das klingt souverän, ist aber teuer und ineffizient. Ein kleines Beispiel aus dem Alltag: Eine Regionalzeitung in Österreich oder Belgien kann kaum dieselbe technische Schlagkraft aufbauen wie ein Konzern, der hunderte Entwickler beschäftigt. Das Ergebnis ist bekannt: hohe Fixkosten, langsame Innovation, und am Ende doch wieder ein Lizenzvertrag mit einem US-Anbieter. Souveränität auf dem Papier, Abhängigkeit im Betrieb.
Dass es anders gehen kann, zeigen einzelne europäische Kooperationen. In Frankreich bündelten mehrere große Medienhäuser mit Alliance de la presse d’information générale zeitweise ihre Verhandlungsposition gegenüber Plattformen. In Deutschland und Österreich arbeiten Verlage bei Vermarktung, Logins oder Vermarktungsstandards punktuell zusammen, oft aber eher neben- als miteinander. Das Problem: Diese Projekte bleiben meist national oder sektoral begrenzt. Der europäische Maßstab fehlt. Dabei wäre er gerade im Tech-Bereich entscheidend, weil Skaleneffekte dort nicht moralisch sind, sondern ökonomisch.
Eine Zahl macht das deutlich: Nach Eurostat machten 2023 in der EU rund 69 Prozent der Unternehmen mit zehn oder mehr Beschäftigten mindestens ein klares digitales Grundelement aus, doch bei fortgeschrittener Nutzung von KI, Datenanalyse oder Cloud-Integration klaffen große Unterschiede zwischen Branchen und Ländern. Das heißt übersetzt: Die technische Lücke ist real, auch innerhalb Europas. Wer in Medien über digitale Transformation redet, sollte nicht so tun, als sei sie überall gleich weit fortgeschritten. Ist sie nicht. Gerade kleinere Häuser hinken oft hinterher, obwohl sie den demokratisch wichtigen Lokaljournalismus tragen.
Hier steckt der sozialpolitische Kern: Wenn Medien-Tech nur von den Großen bezahlbar ist, wird Medienvielfalt zur Frage des Kapitals. Dann entscheidet nicht nur, wer gut recherchiert, sondern wer die bessere Plattform hat. Das ist kein Nebenthema. Das ist Machtverteilung im Alltag. Denn die erste Entscheidung über Sichtbarkeit fällt heute oft nicht mehr im Redaktionsmeeting, sondern in der Software: Welche Geschichte wird empfohlen, welcher Podcast geladen, welche Meldung im Feed sichtbar, welcher Artikel hinter der Paywall überhaupt getestet?
Ein oft übersehener Punkt: Gemeinsame europäische Medien-Technologie würde nicht nur den Medien selbst helfen, sondern auch dem Publikum. Wenn mehrere Häuser sichere Logins, transparente Datenstandards oder gemeinsame Zahlungsinfrastruktur nutzen, sinken Reibungsverluste für Leserinnen und Leser. Ein Abo hier, ein Login dort, ein Cookie-Banner noch einmal neu: Das ist nicht nur nervig, sondern sozial exklusiv. Wer wenig Zeit, wenig Geld oder wenig digitale Geduld hat, scheitert schneller an fragmentierten Angeboten. Auch das ist Medienpolitik.
Natürlich gibt es gute Gegenargumente. Erstens: Kooperation kann Innovation bremsen, wenn am Ende nur der kleinste gemeinsame Nenner übrig bleibt. Zweitens: Öffentliche EU-Förderung könnte am Markt vorbei subventionieren und proprietäre Systeme belohnen, die niemand braucht. Drittens: Medienhäuser sind Rivalen; wer Technologie gemeinsam baut, fürchtet den Verlust von Wettbewerbsvorteilen. Diese Einwände sind nicht falsch. Sie erklären nur nicht, warum Europa weiter so tun sollte, als seien isolierte Einzel-Lösungen günstiger als koordinierte Infrastruktur.
Die bessere Antwort wäre deshalb kein schwerfälliger Superstaat für Redaktionssoftware, sondern gezielte EU-Finanzierungen für offene, gemeinsam nutzbare Medien-Tech-Kooperationen. Gefördert werden sollten Standards, Schnittstellen, Datenportabilität, sichere Identitätslösungen, gemeinsame Vermarktungsbausteine und Werkzeuge, die Redaktionen unabhängig machen, statt sie an einen Anbieter zu ketten. Das wäre nicht die Subvention von Verlagen, sondern die Anschubfinanzierung von Infrastruktur, die später vielen gehört. Fördergelder könnten an klare Bedingungen geknüpft werden: offene Schnittstellen, europäische Beteiligung, nachvollziehbare Governance, keine dauerhafte Abhängigkeit von einzelnen Plattformfirmen.
Genau hier sind auch die Mitgliedstaaten gefragt. Sie sollten in Brüssel nicht nur über Medienfreiheit reden, sondern aktiv auf Programme drängen, die Medien-Tech-Kooperationen finanzieren. Die Logik ist simpel: Wenn Europa Milliarden in Halbleiter, Batterien und Rüstungsfähigkeit investieren kann, dann sollte es auch einen kleineren, aber strategisch wichtigen Teil in die digitale Infrastruktur der Öffentlichkeit stecken. Sonst bleibt Medienpolitik eine schöne Rede über Vielfalt, während die technische Grundlage weiter von Konzernen außerhalb Europas geliefert wird. Das ist bequem. Und teuer. Vor allem für jene Häuser, die keinen Konzern im Rücken haben.
Die unbequeme Konsequenz lautet deshalb: Wer europäische Medienvielfalt ernst meint, darf nicht nur mehr Geld für Artikel, Sendungen und Formate fordern, sondern muss EU-Mittel für gemeinsame Medien-Technologie verlangen. Alles andere ist schöne Kulturpolitik mit veralteter Software. Und die kommt am Ende teurer als jede Kooperation, die man aus lauter Gewohnheit zu lange aufgeschoben hat.