Ein Unternehmen, das heute investieren will, braucht nicht nur Kapital und Kundschaft. Es braucht auch Geduld für Genehmigungen, Klarheit bei Regeln und die Hoffnung, dass sich die nächste politische Debatte nicht wieder um neue Unsicherheiten dreht. Genau daran scheitert die heimische Wirtschaft derzeit oft schneller als an den geopolitischen Krisen, über die so gern gesprochen wird. Die Lage ist unbequem: Der Druck von außen ist real, aber ein Teil der Stagnation ist selbst gemacht.
Die Außenwelt liefert reichlich Gegenwind. Der Krieg in der Ukraine, die Spannungen im Nahen Osten, gestörte Lieferketten, teure Energie und eine schwächere Industrie in Deutschland treffen ein exportorientiertes Land wie Österreich direkt. Die EU-Kommission erwartet für Österreich 2024 nur ein sehr schwaches Wachstum von 0,3 Prozent, für 2025 dann 1,0 Prozent. Das ist keine dramatische Rezession mehr, aber auch kein Aufbruch. Es ist eher ökonomisches Seitwärtsfahren mit blinkendem Warnlicht.
Die eigentliche politische Frage lautet aber: Warum reagiert Österreich auf diesen Druck so träge? Deloitte kritisiert seit Jahren, dass Unternehmen nicht nur mit internationalen Risiken kämpfen, sondern auch mit einem dichten Regelwerk, langen Verfahren und einem öffentlichen Klima, in dem neue Belastungen oft schneller beschlossen als neue Entlastungen umgesetzt werden. Das trifft besonders Investitionen in Energie, Infrastruktur, Industrie und Digitalisierung. Wer in Österreich ein größeres Projekt plant, lernt früh: Der eigentliche Endgegner ist selten der Markt, sondern das Verfahren.
Ein Beispiel liefert der Standortvergleich bei Genehmigungen. In der Praxis dauern Umwelt- und Infrastrukturverfahren häufig Jahre. Das ist nicht bloß lästig, sondern teuer: Verzögerungen erhöhen Finanzierungskosten, verschieben Lieferketten und machen Projekte in einer Zeit unsicherer Zinsen und volatiler Preise noch riskanter. Gerade bei Energieprojekten ist das absurd. Österreich diskutiert über Versorgungssicherheit, will Netze ausbauen und erneuerbare Anlagen schneller errichten, schafft es aber oft nicht, Tempo und Rechtsstaatlichkeit vernünftig zusammenzubringen. Schnelle Verfahren sind kein Angriff auf den Umweltschutz. Sie sind seine Voraussetzung, wenn Klimapolitik nicht auf dem Papier enden soll.
Die Statistik Austria meldete für 2023 einen Rückgang der Bruttoanlageinvestitionen in Österreich. Das ist politisch relevant, weil Investitionen der Motor für Produktivität und zukünftiges Wachstum sind. Wenn Firmen nicht investieren, weil sich Kosten, Regeln und Fristen kaum kalkulieren lassen, dann ist das kein bloßes Konjunkturproblem. Dann wird aus Unsicherheit ein Standortmerkmal. Und ein schlechtes noch dazu.
Ein zweiter, oft unterschätzter Punkt ist die Energiepolitik. Die Debatte wird gern so geführt, als ob hohe Strompreise vor allem eine Folge globaler Krisen wären. Das stimmt nur halb. Ja, der Gaspreisschock nach Russlands Angriff auf die Ukraine hat Europa hart getroffen. Aber die Reaktion darauf war in vielen Ländern schneller und strukturierter als in Österreich. Wer den Umbau des Energiesystems jahrelang verschleppt, darf sich nicht wundern, wenn internationale Krisen später im Inland doppelt teuer werden. Der Schaden entsteht also nicht nur am Krisenherd, sondern auch in der Verwaltungsroutine daheim.
Es gibt allerdings eine faire Gegenposition. Österreich ist ein kleiner, offener Wirtschaftsraum. Ein Land mit starker Industrie, hohem Lohnniveau und vielen Mittelbetrieben kann globale Schocks nie komplett ausgleichen. Die Erwartung, eine Regierung könne Lieferkettenkrisen, Kriege und Zinswenden einfach wegregulieren, wäre naiv. Außerdem braucht ordentliche Regulierung Schutz: bei Arbeitnehmerschutz, Umwelt, Wettbewerb und Konsumentenschutz. Wer nur von Deregulierung spricht, verkauft oft ein Märchen in Businesssprache.
Aber genau hier beginnt der blinde Fleck. Die Debatte wird zu oft als Wahl zwischen Schutz und Wachstum verkauft, obwohl das reale Problem meist schlechter Staat statt weniger Staat ist: komplizierte, langsame, teure Regeln, die nicht besser schützen, sondern nur mehr blockieren. Ein moderner Standort braucht nicht das dünnste Regelwerk, sondern das klügste. Der Unterschied klingt klein, ist aber entscheidend.
Auch überraschend ist, wie stark sich politische Unsicherheit wirtschaftlich auswirkt. Nicht nur hohe Steuern oder Löhne schrecken Investoren ab, sondern vor allem Unberechenbarkeit. Wenn Förderungen, Energievorschriften, Umweltauflagen und Abgaben laufend umgebaut werden, steigt der Risikoaufschlag auf jedes Projekt. Das ist unspektakulär, aber folgenschwer: Unternehmen warten dann lieber ab, statt zu investieren. Abwarten ist in der Wirtschaft selten eine Wachstumstherapie.
Die Konsequenz ist unbequem, aber klar: Österreich kann nicht jede internationale Krise verhindern, sehr wohl aber die eigene Reaktionsgeschwindigkeit. Wer weiter so tut, als seien schwache Investitionen und maues Wachstum vor allem Importschäden aus dem Ausland, macht es sich zu leicht. Die ehrlichere Diagnose lautet: Die Welt ist schwieriger geworden, ja. Aber der heimische Stillstand ist zum Teil eine politische Entscheidung. Und genau deshalb ist er veränderbar.
Wer die Wirtschaft wirklich wieder in Bewegung bringen will, muss nicht zuerst große Reden über Standortpatriotismus halten. Er müsste Verfahren verkürzen, Regeln vereinfachen, Energie- und Infrastrukturprojekte beschleunigen und Investitionen verlässlich machen. Sonst bleibt Österreich das Land, das über seine Krisen erstaunlich sachlich diskutiert und dabei erstaunlich konsequent zu langsam handelt.