In Brünn klingt an diesem Pfingstwochenende etwas nach, das in Mitteleuropa selten leise ist: Geschichte. Nicht als Museumsthema, sondern als politischer Streit, der noch immer bis in die Gegenwart reicht. Der Sudetendeutsche Tag soll erstmals auf tschechischem Boden stattfinden. Schon diese Verschiebung des Orts ist mehr als Symbolik. Sie rührt an eine offene Wunde, die nie ganz verheilt ist: Vertreibung, Schuld, Verlust, Anerkennung.
Wer an einem frühen Morgen durch Brünn geht, sieht davon zunächst wenig. Straßenbahnen, Bäckereien, Pendler mit Kaffee in der Hand. Doch genau in solchen Städten zeigt sich, wie nah Vergangenheit und Alltag beieinander liegen. Brünn war 1945 Schauplatz des sogenannten Brünner Todesmarsches, bei dem nach heutigem Forschungsstand mehrere Tausend Deutsche aus der Stadt vertrieben wurden und Hunderte bis Tausende starben; die genaue Zahl bleibt umstritten. Dass ausgerechnet hier nun eine Veranstaltung der Sudetendeutschen abgehalten werden soll, ist deshalb nicht bloß ein Akt des guten Willens, sondern ein politischer Test.
Der Streit in Tschechien entzündet sich an zwei sehr unterschiedlichen Fragen. Die eine ist historisch: Dürfen die Vertriebenen und ihre Nachkommen öffentlich ihrer Verluste gedenken, ohne sofort in den Verdacht der Geschichtsklitterung zu geraten? Die andere ist aktuell: Wer nutzt diese Erinnerung heute für welche Politik? Dass sich ausgerechnet AfD-nahe Kräfte im Prager Parlament querlegen, macht die Sache fast bitterkomisch. Eine Partei, die selbst von nationalen Opfererzählungen lebt, entdeckt plötzlich die Sensibilität für fremde Geschichte. Man muss nicht alles ironisch sehen, aber manchmal erledigt sich die Doppelmoral fast von selbst.
Die tschechische Debatte ist dennoch nicht einfach als Abwehrreaktion abzutun. Für viele Menschen ist die Erinnerung an die Vertreibung der Deutschen bis heute mit der Angst verbunden, alte Eigentumsansprüche oder politische Relativierungen könnten durch die Hintertür zurückkehren. Diese Sorge ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. Im kollektiven Gedächtnis Tschechiens stehen die Jahre 1938 bis 1945 für die Zerschlagung der Demokratie, die Besatzung und den Terror der NS-Herrschaft. Die Vertreibung der Deutschen wurde nach 1945 in diesem Kontext als Antwort auf eine reale Vorgeschichte verstanden. Wer das ausblendet, wird in Tschechien kaum Gehör finden.
Doch genau hier liegt der blinde Fleck vieler Gegner wie auch mancher Befürworter. Erinnerung ist nicht automatisch Revisionismus, und Anerkennung ist nicht automatisch Schuldeingeständnis in der Logik nationaler Konkurrenz. Die Sudetendeutschen sind heute keine geschlossene politische Macht, sondern vor allem eine Erinnerungs- und Verbandsgemeinschaft mit vielen biografischen Abstufungen. Dass sie in Brünn tagen, kann deshalb auch als zivilgesellschaftliche Geste gelesen werden: weg vom alten Gegeneinander, hin zu einer Form des Gesprächs, die nicht mehr auf die Logik von Sieg und Niederlage setzt.
Gleichzeitig darf man die Wirkung solcher Treffen nicht romantisieren. Versöhnung klingt schön, ist aber oft ungleich verteilt. Wer vertrieben wurde, hatte selten die Chance auf einen sauberen Neuanfang; wer geblieben ist, musste mit der Last der nationalen Erzählung leben. Die europäische Nachkriegsgeschichte ist voll von solchen asymmetrischen Erinnerungen. Der wahre Fortschritt besteht nicht darin, dass plötzlich alle dieselbe Version der Vergangenheit erzählen. Er besteht darin, dass unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen können, ohne dass sofort nationale Alarmglocken läuten.
Ein wenig überraschend ist dabei, wie sehr dieser Streit auch die Gegenwart entlarvt. In vielen europäischen Ländern wird Erinnerungspolitik gerade wieder härter geführt, als wäre Geschichte ein Endlager für aktuelle Ängste. Dabei wäre Brünn eher ein Anlass für das Gegenteil: für eine nüchterne, erwachsene Debatte darüber, wie man historisches Leid anerkennt, ohne es gegeneinander aufzurechnen. Dass ausgerechnet eine rechtspopulistische Lagerlogik im Prager Parlament an diesem Punkt auf Misstrauen setzt, ist kein Zufall. Wer Geschichte als Identitätswaffe benutzt, fürchtet am meisten, dass sie in einem offeneren Ton erzählt wird.
Die eigentliche Zumutung von Brünn ist deshalb nicht, dass dort Sudetendeutsche auftreten. Die Zumutung ist, dass Tschechien und Deutschland sich immer noch schwer damit tun, Erinnerung als gemeinsame, aber nicht identische Angelegenheit zu behandeln. Wer Versöhnung nur dann gelten lässt, wenn sie die eigene nationale Erzählung bestätigt, hat den Sinn von Versöhnung nicht verstanden. Und wer meint, historische Schuld lasse sich durch Empörung über das Gedenken anderer unsichtbar machen, verwechselt politische Bequemlichkeit mit Haltung. Brünn könnte ein Zeichen der Reife werden. Es könnte aber auch zeigen, wie viele Menschen in Mitteleuropa noch immer lieber auf ihre Kränkung pochen, als der unbequemen Wahrheit ins Gesicht zu sehen: Geschichte hört nicht auf, nur weil man sie erfolgreich zum Tabu erklärt.