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Warum Frauen im Auto bis heute schlechter geschützt sind

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Ein Auto ist ein technisches Versprechen: Wer ans Steuer steigt, soll im Ernstfall nicht nach Geschlecht sortiert werden. Genau das passiert aber bis heute. Eine Untersuchung der TU Graz kommt zu dem Schluss, dass Frauen bei Pkw-Unfällen ein um 60 Prozent höheres Verletzungsrisiko haben. Das ist kein Randphänomen und auch kein Beweis für „vorsichtigere“ oder „riskantere“ Fahrweise. Es ist vor allem ein Organisationsproblem: Sicherheitsstandards, Testverfahren und Konstruktionsdaten sind über Jahrzehnte am männlichen Durchschnittskörper ausgerichtet worden.

Die Logik dahinter wirkt im Rückblick fast bequem. Der 50-Prozent-Mann, der 1,75 Meter groß und rund 78 Kilo schwer ist, wurde zum stillschweigenden Maß aller Dinge. In vielen Crashtests sitzt noch immer ein Dummy, der diesen Körper abbildet. Der weibliche Körper kommt, wenn überhaupt, oft nur als kleinere Variante desselben Modells vor. Das klingt technisch sauber, ist aber biologisch grob. Beckenform, Halsmuskulatur, Schultergeometrie und Sitzposition unterscheiden sich nun einmal. Ein Sicherheitsstandard, der diese Unterschiede nur halb mitdenkt, schützt nicht alle gleich.

Die Folge sieht man nicht erst in Hochgeschwindigkeitscrashs, sondern im Alltag. Frauen sitzen im Schnitt häufiger auf dem Beifahrersitz, fahren häufiger kürzere Strecken und sind öfter in anderen Sitzpositionen unterwegs, was die Verletzungsmuster verändern kann. Gerade das macht das Problem organisatorisch so hartnäckig: Es geht nicht nur um den Dummy im Labor, sondern um die Frage, wessen Alltag als Norm gilt. Wer die Norm setzt, setzt auch die Kosten des Irrtums. Und die tragen im Unfallfall nicht die Verantwortlichen im Entwicklungsbüro.

Die bekannte schwedische Unfallforschung von Astrid Linder hat bereits 2019 gezeigt, dass weibliche Insassen im Frontalcrash andere Belastungen erfahren und bei gleichem Crashszenario teils schlechtere Schutzwerte erreichen. Ihr Team entwickelte deshalb einen weiblichen Crash-Dummy, weil die bisherigen Testkörper weibliche Biomechanik nur unzureichend abbildeten. Das ist eine nüchterne technische Antwort auf ein politisch unaufgeregtes, aber zähes Versäumnis: Man hat Sicherheit lange an Durchschnittsdaten gebaut, obwohl es den Durchschnittsmenschen in dieser Form gar nicht gibt.

Natürlich gibt es eine Gegenposition. Die Autoindustrie verweist darauf, dass moderne Fahrzeuge heute so sicher seien wie nie zuvor und dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen auch mit Fahrverhalten, Körpergröße und Unfallkonstellation zu tun hätten. Das stimmt teilweise. Niemand sollte so tun, als ließe sich jedes Risiko auf eine einzige Ursache reduzieren. Aber genau deshalb ist die Verantwortung der Hersteller und Zulassungsbehörden so klar: Wer komplexe Risiken beherrschbar machen will, darf sich nicht mit einem groben Mittelwert zufriedengeben. In einer Branche, die für jedes Zehntelbar Reifendruck und jeden Millimeter Airbag-Position Geld ausgibt, ist das Argument „zu kompliziert“ ziemlich dünn.

Besonders irritierend ist, wie langsam sich diese Erkenntnis in die Organisation der Sicherheit übersetzt. Es fehlen nicht nur bessere Dummys, sondern oft auch verbindliche Vorgaben für Tests mit unterschiedlichen Körperformen, Altersgruppen und Sitzpositionen. Genau dort liegt der blinde Fleck: Nicht die Wissenschaft hat das Problem übersehen, sondern die Normung war zu träge. Was nicht vorgeschrieben ist, wird in der Praxis gern vertagt. Und was vertagt wird, fährt weiter mit.

Ein zweiter, weniger offensichtlicher Punkt: Das ist kein reines Frauenproblem. Dieselben Testsysteme unterschätzen auch Risiken für kleinere Männer, ältere Menschen oder Jugendliche. Wer also den weiblichen Körper ernst nimmt, verbessert am Ende die Sicherheit für mehr als die Hälfte der Bevölkerung, nicht nur für die Hälfte der Debatte. Ausgerechnet dort, wo Gleichbehandlung oft als abstrakte Moralfrage behandelt wird, ist sie in Wahrheit ein ziemlich handfester Ingenieurvorteil.

Die nüchterne Konsequenz lautet deshalb: Solange Crashtests am männlichen Durchschnitt hängen, ist „für alle sicher“ nur ein hübscher Werbesatz. Autos werden nicht dadurch gerecht, dass sie im Prospekt von Vielfalt reden, sondern dadurch, dass sie im Labor endlich mehr als den alten Normkörper aushalten. Die unbequeme Wahrheit ist simpel: Wenn die Industrie Frauen weiter nur mitdenkt, statt sie mitzuteilen, bleibt Verkehrssicherheit auch künftig ein männlich normiertes Produkt.

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