Schauspielhaus-Wirbel: Wie Ostertags Tandem-Vorschlag die Politik vorführt | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Schauspielhaus-Wirbel: Wie Ostertags Tandem-Vorschlag die Politik vorführt

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Ausgerechnet ein Tandem-Vorschlag hat in der Wiener Kulturpolitik für Unruhe gesorgt. Die Regisseurin und Teata-Chefin Elena Tautz-Ostertag hat die Ausschreibung um die Leitung des Wiener Schauspielhauses nicht mit einer stillen Bewerbung beantwortet, sondern mit einem Angebot, das schwer wegzuwischen war: mehr Team, mehr Verteilung, mehr Gegenwart. Wer in Wien Kultur gern als Frage der richtigen Personalie behandelt, bekam damit eine kleine Lektion in Strukturpolitik.

Das Schauspielhaus ist kein beliebiger Betrieb. Es ist eines jener Häuser, an denen sich die soziale Funktion von Theater messen lässt: Wer bekommt Raum? Wer darf erzählen? Wer wird kuratiert, finanziert, sichtbar gemacht? Gerade in Wien ist das kein Nebenthema, sondern Kern der Debatte. Die Stadt gibt laut Rechnungsabschluss 2023 mehr als 300 Millionen Euro jährlich für Kunst und Kultur aus; der genaue Anteil für einzelne Häuser schwankt, aber die Richtung ist klar: Kulturpolitik verteilt nicht nur Geld, sie verteilt Deutungshoheit. Und sie liebt Verfahren, die nach Kontrolle aussehen.

Genau hier liegt die Reibung. Ostertags Tandem-Idee ist nicht bloß ein hübscher Führungsstil aus der Gegenwart. Sie attackiert einen alten Reflex: die Vorstellung, ein Theater brauche am Ende vor allem eine starke Einzelperson, eine künstlerische Sonne, um die sich der Rest dreht. Das klingt nach Klarheit, ist in der Praxis aber oft ein Machtmodell mit ästhetischem Deckmantel. Wer Leitung an eine Person bindet, bündelt auch Unsicherheit, Abhängigkeit und Rechenschaft in genau einer Figur. Das ist bequem für die Politik und gefährlich für den Betrieb.

Ein unbequemer, aber wichtiger Punkt: Das Theater übernimmt in der öffentlichen Debatte oft die Sprache des Ausnahmezustands, obwohl es längst in einem Normalzustand der Verknappung arbeitet. Laut Statistik Austria arbeiteten 2023 rund 66.000 Menschen im Kunst-, Kultur- und Unterhaltungssektor; viele davon projektförmig, befristet, mit wechselnden Einkommen. Das ist nicht nur ein Arbeitsmarktproblem, sondern ein Führungsproblem. Häuser, die Vielfalt zeigen wollen, können intern nicht wie patriarchale Mini-Staaten organisiert sein. Sonst predigen sie Öffnung und leben Hierarchie. Das Publikum merkt so etwas übrigens schneller, als Kulturverwaltungen glauben.

Natürlich gibt es Gegenargumente. Ein Theater braucht Entscheidungsfähigkeit. Zwei Leitungen können Reibung erzeugen, Zuständigkeiten verwischen und am Ende alles langsamer machen. Auch das ist wahr. Doch diese Kritik wird oft erstaunlich selektiv vorgebracht. Wenn ein Haus künstlerisch mutiger, gesellschaftlich näher und personell weniger abhängig werden soll, dann ist das Problem nicht der Tandem-Gedanke, sondern die Gewohnheit, Verantwortung als Ein-Mann- oder Ein-Frau-Macht zu organisieren. Mit anderen Worten: Was als Effizienz verkauft wird, ist häufig nur ein eleganter Name für Amtsbeharrung.

Die überraschendere Einsicht ist vielleicht diese: Ein Tandem ist nicht automatisch progressiv. Es kann auch zur PR-Figur verkommen, wenn zwei Namen nur die alte Machtarchitektur modern anstreichen. Aber gerade deshalb ist Ostertags Vorstoß relevant. Er zwingt die Politik, sich nicht hinter Ausschreibungsroutinen zu verstecken. Denn die eigentliche Frage lautet nicht, ob ein Duo schön klingt. Sie lautet, warum Kulturinstitutionen in Wien noch immer so gebaut werden, als wäre Vielfalt etwas, das man auf der Bühne zeigt, aber nicht in der Leitung aushält.

Wer in diesem Streit nur über Personen redet, hat den Kern schon verpasst. Es geht um Governance im Kulturbereich, um Transparenz, um Machtverteilung und um die Frage, ob öffentliche Theater die Gesellschaft abbilden oder bloß ihren eigenen Verwaltungsinstinkt kultivieren. Das Schauspielhaus ist damit ein Testfall, der größer ist als seine Direktion. Wenn eine mutigere Struktur nur deshalb irritiert, weil sie die Politik nicht bequem kontrollieren kann, dann ist nicht das Angebot radikal. Radikal ist dann vielmehr die politische Gewohnheit, lieber die alte Ordnung zu wählen und das als Vernunft zu verkaufen.

Am Ende bleibt ein ziemlich einfacher, unbequemer Satz: Wer im Kulturraum ständig Diversität fordert, aber in der Leitung am Liebsten den einen starken Kopf bestellt, will kein offenes System, sondern bloß eine besser beleuchtete Hierarchie.

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