Wenn ein Film den Nürnberger Prozess erzählt und ausgerechnet Hermann Göring in den Mittelpunkt rückt, ist das erst einmal klug. Göring war nicht irgendein Angeklagter, sondern der prominenteste NS-Verbrecher auf der Anklagebank, Hitlers designierter Nachfolger und einer der Architekten des Regimes. Dass James Vanderbilt die Geschichte nun über einen Psychiater aufzieht, der Göring vor dem Prozess untersucht, klingt nach einem Versuch, die großen Fragen über Schuld, Verführung und Selbstbetrug psychologisch zu greifen. Genau dort beginnt aber auch das Problem: Wer den Nationalsozialismus vor allem als Charakterstudie erzählt, riskiert, ihn in eine Art intellektuell sauber verpacktes Unheil zu verwandeln.
Der historische Rahmen ist dabei so brutal klar, dass jede Verklärung peinlich wirkt. Die Hauptkriegsverbrecherprozesse in Nürnberg liefen von November 1945 bis Oktober 1946; 24 führende Nationalsozialisten wurden angeklagt, 12 von ihnen zum Tode verurteilt. Hermann Göring entzog sich der Hinrichtung durch Suizid am 15. Oktober 1946, wenige Stunden vor der geplanten Exekution. Das sind keine dramatischen Fußnoten, sondern der Kern eines juristischen und moralischen Großereignisses, das die Welt lernen musste, wie moderne Verbrechen überhaupt benannt werden können.
Der Blick auf den Psychiater – im Fall der historischen Vorlage Douglas M. Kelley – ist reizvoll, weil er eine unangenehme Wahrheit berührt: Böse ist nicht immer grotesk. Es kann geschniegelt auftreten, diszipliniert, redegewandt, sogar charmant. Kelleys spätere Beobachtung, dass Göring nicht als psychisch krank im klinischen Sinn erschien, sondern als opportunistischer, hochintelligenter Machtmensch, ist bis heute verstörend, gerade weil sie das Ausweichen auf eine einfache Pathologie erschwert. Eine jüngere Erinnerung daran liefert das Milgram-Experiment in den 1960er-Jahren: Menschen gehorchten Autorität auch dann, wenn sie anderen vermeintlich schwere Schmerzen zufügten. Der unbequeme Befund lautet nicht, dass nur Monster solche Systeme tragen. Er lautet, dass normale Menschen unter bestimmten Bedingungen erstaunlich weit mitgehen.
Und doch ist Vorsicht nötig. Genau hier wird das Kino oft bequem. Ein Film, der Göring als brillante Bedrohung inszeniert, kann den Nationalsozialismus in das alte, fast beruhigende Muster zurückübersetzen: hier das Monster, dort der kluge Gegenspieler, dazwischen das große historische Duell. Das ist erzählerisch dankbar, ethisch aber schief. Denn die industrielle Vernichtung der europäischen Juden, die Verfolgung von Sinti und Roma, der Vernichtungskrieg im Osten und die Millionen Toten werden nicht verständlicher, wenn man sie an einen faszinierenden Einzelnen anhängt. Sie werden eher kleiner, als sie waren. Ein bisschen wie ein Verbrechen mit guter Dramaturgie. Beunruhigend, ja. Erklärend, nur begrenzt.
Die Gegenposition ist allerdings fair: Gerade weil Göring so stark war, kann ein Film über ihn sichtbar machen, wie Macht funktioniert. Die Nürnberger Prozesse waren nicht nur Vergeltung, sondern auch der Versuch, Verantwortlichkeit juristisch zu fassen. Dass die Angeklagten sich nicht als Räuber, Mörder und Kriegstreiber sahen, sondern als Staatsmänner, ist eine Wahrheit, die auch heute relevant bleibt. Autokraten und ihre Helfer reden sich selten als Verbrecher aus. Sie sprechen von Ordnung, Sicherheit, Notwehr, Nation. Insofern hat ein Psychothriller um Göring durchaus einen Erkenntniswert, wenn er nicht beim Schaulaufen des Bösen stehenbleibt.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob Russell Crowe Göring spielen kann. Die Frage ist, ob Nürnberg die Bequemlichkeit des Zuschauens vermeidet. Der Film müsste mehr leisten als die alte Faszination für den intelligenten Nazi. Er müsste zeigen, dass der Schrecken des NS-Staats nicht im Ausnahmecharakter seiner Spitzenleute lag, sondern in der Verbindung von Bürokratie, Karriere, Mitläufertum und organisierter Entmenschlichung. Das ist weniger elegant als ein großes Schauspielerduell. Aber Geschichte ist nun einmal selten elegant. Und das Publikum ist daran nicht unschuldig: Wer nur auf die psychologische Show wartet, bekommt am Ende genau die Verkleidung, in der sich Täter gern sehen.
Vielleicht ist das die unbequemste Lehre dieses Stoffes: Der interessanteste Nazi ist oft der am schlechtesten verstandene. Wenn Nürnberg also überzeugt, dann nicht, weil Göring endlich wieder eine starke Rolle hat, sondern nur dann, wenn der Film seine eigene Versuchung misstrauisch macht. Alles andere wäre ein tadellos besetzter, sauber fotografierter Irrtum über das 20. Jahrhundert.
Weiterführende Links
- United States Holocaust Memorial Museum: The Nuremberg Trials
- Britannica: Nuremberg trials
- Britannica: Hermann Göring