Rotwein-Hendl und Leistungsdruck: Warum Kochrezepte plötzlich viel über Arbeit verraten | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Rotwein-Hendl und Leistungsdruck: Warum Kochrezepte plötzlich viel über Arbeit verraten

0 83

Ein gutes Rotwein-Hendl braucht Zeit. Genau das ist schon die kleine Provokation: In einer Arbeitswelt, in der alles schneller, schlanker und effizienter werden soll, wird ausgerechnet ein Gericht gefeiert, das sich jeder Beschleunigung verweigert. Autor Hubert Weinheimer nennt sein Rezept für das beste Rotwein-Hendl – und zeigt damit, ohne es wohl zu wollen, wie sehr Essen heute auch ein Kommentar zur Arbeit ist.

Das Gericht selbst ist altmodisch im besten Sinn: Huhn anrösten, Zwiebeln, Wurzelgemüse, Rotwein, Geduld. Keine Küchenmagie, keine Lifestyle-Performance, kein Instagram-Trick mit drei essbaren Blüten. Und gerade darin liegt der Reiz. Denn wer nach einem langen Arbeitstag kocht, sucht oft nicht nur Geschmack, sondern einen Gegenentwurf zum Tag. Ein Essen, das nicht sofort fertig sein muss. Ein Essen, das nicht wie ein Projektmeeting endet.

Arbeitspsychologisch ist das kein Nebenthema. Die Forschung zu Erholung von Arbeit zeigt seit Jahren, dass echte Regeneration nicht durch bloße Ablenkung entsteht, sondern durch psychologische Distanz, Entspannung, Kontrolle über die Zeit und das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Ein oft zitierter Befund aus der Erholungsforschung: Die Modellarbeit von Sabine Sonnentag und Charlotte Fritz beschreibt vier zentrale Erholungsstrategien – psychologische Distanz, Entspannung, mastery experience und Kontrolle über die Freizeit. Übersetzt heißt das: Wer nach der Arbeit noch alles optimieren will, erholt sich oft nur effizient vom eigenen Erschöpfungsmanagement.

Genau hier wird das Rotwein-Hendl interessant. Es ist kein Wellness-Mythos, sondern eine kleine Übung in Entschleunigung. Man kann nicht alles abkürzen. Man kann das Huhn nicht mit einem Excel-Sheet garen. Die Sauce braucht Reduktion, die Aromen brauchen Zeit. Das ist beinahe unmodern, und gerade deshalb wertvoll. In einer Kultur, die selbst Freizeit gern in Produktivität übersetzt, ist langsames Kochen ein stiller Widerspruch.

Die arbeitspsychologische Pointe ist unbequem: Viele Menschen sind heute nicht nur beschäftigt, sondern mental besetzt. Sie essen nebenbei, planen nebenbei, antworten nebenbei. Laut dem Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung verbringen Beschäftigte in Deutschland im Durchschnitt mehrere Stunden pro Woche mit unbezahlter Haus- und Sorgearbeit; genaue Werte schwanken je nach Erhebungsjahr und Methodik, aber der Befund bleibt robust: Der Tag ist selten wirklich leer. Wer dann abends noch etwas Schnelles, Gesundes, Frisches fabrizieren soll, bekommt nicht unbedingt Lebensqualität, sondern einen weiteren Anspruch.

Dabei wäre ein Gericht wie Rotwein-Hendl gerade keine nostalgische Verklärung. Es ist ein Gegenmodell zur Überforderung. Nicht, weil Kochen automatisch gesund macht, sondern weil es eine klare Struktur vorgibt: vorbereiten, warten, riechen, abschmecken. Diese Abfolge wirkt banal. Für erschöpfte Menschen ist sie aber oft entlastend, weil sie den Kopf aus der Dauerverfügbarkeit holt. Eine weniger offensichtliche Einsicht: Nicht die Küchentechnik beruhigt, sondern die Unmöglichkeit, alles sofort zu kontrollieren. Das Hendl gart weiter, auch wenn man E-Mails checkt. Der Herd ist in dieser Hinsicht ehrlich.

Natürlich gibt es die Gegenposition. Wer wenig Geld, wenig Platz und wenig Zeit hat, für den ist ein langes Schmorgericht nicht automatisch Lebenskunst, sondern zusätzlicher Aufwand. Und wer in Schichten arbeitet, Kinder betreut oder mehrere Jobs jongliert, hat von achtsamem Kochen erst einmal wenig. Diese Perspektive ist wichtig, weil der Diskurs über gutes Essen oft so tut, als sei Zeit eine reine Haltungsfrage. Ist sie nicht. Zeit ist ungleich verteilt. Ein Rotwein-Hendl am Sonntagabend ist etwas anderes als ein improvisiertes Abendessen nach zehn Stunden Arbeit und zwei Arbeitswegen. Der Unterschied ist sozial, nicht nur kulinarisch.

Gerade deshalb sollte man solche Rezepte nicht als moralische Empfehlung lesen. Sie sind keine Pflicht zur Entschleunigung, sondern ein Luxus, der im besten Fall bewusst genutzt wird. Wer ihn hat, sollte ihn nicht in Leistungslogik verwandeln. Wer ihn nicht hat, braucht keine Ermahnung, sondern bessere Arbeitszeiten, planbarere Dienste und weniger Verherrlichung der permanenten Selbstoptimierung. Denn die eigentliche Zumutung unserer Zeit ist nicht, dass wir zu wenig kochen. Sondern dass selbst das Kochen noch beweisen soll, dass wir unser Leben im Griff haben.

Weinheimers Rotwein-Hendl ist deshalb mehr als ein Rezept. Es erinnert daran, dass gute Dinge oft genau dort entstehen, wo nichts optimiert wird. Das ist eine unbequeme Botschaft für eine Gesellschaft, die sich gern für effizient hält und dann mit leerer Energie am Herd steht. Vielleicht ist das beste Abendessen am Ende nicht das schnellste. Sondern das, bei dem man endlich aufhört, sich selbst zu managen.

Weiterführende Links

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.