Neid: Das ungemütliche Gefühl, das wir lieber anderen erklären als uns selbst | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Neid: Das ungemütliche Gefühl, das wir lieber anderen erklären als uns selbst

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Neid ist eines dieser Gefühle, über die man am liebsten in der dritten Person spricht. Die anderen seien neidisch, natürlich. Man selbst sei nur kritisch, ambitioniert oder eben realistisch. In einer Kultur, die sich gern als leistungsorientiert bezeichnet, wirkt das fast komisch: Ausgerechnet dort, wo ständig von Zielerreichung, Sichtbarkeit und Selbstoptimierung die Rede ist, soll niemand neidisch sein? Das klingt ungefähr so glaubwürdig wie ein Konzernleitbild mit den Worten: Wir sind alle gleich wichtig.

Die Psychologie trennt übrigens sauber zwischen Neid und Eifersucht. Neid meint: Ein anderer hat etwas, das ich gern hätte. Eifersucht meint: Ich fürchte, etwas zu verlieren, das mir gehört. Diese Unterscheidung ist nicht nur sprachlich, sondern politisch interessant. Denn Neid ist oft ein ziemlich ehrlicher Hinweis auf Ungleichheit. Wer in einem Milieu lebt, in dem Eigentum, Titel, Reichweite oder Wohnort sehr unterschiedlich verteilt sind, wird Neid schwer vermeiden können. Das Gefühl entsteht nicht aus dem Nichts, sondern aus Vergleichen. Und Vergleiche sind heute überall: in Gehaltsbändern, Rankings, Corporate-Inboxes und natürlich auf Social Media.

Gerade Medien spielen dabei eine zweifelhafte Rolle. Sie liefern nicht nur die Bilder vom angeblich beneidenswerten Leben, sondern auch gleich die passende Deutung dazu. Wer in einer Lifestyle-Reportage mit Blick auf Dachterrasse und Gusseisenpfannen gezeigt wird, soll das bitte als Inspiration lesen, nicht als soziale Reibung. Wer auf Instagram oder LinkedIn Erfolge dauernd inszeniert, nennt das Personal Branding; wer darauf mit Unbehagen reagiert, soll sich halt mehr freuen. Eine elegante Weise, reale Unterschiede in eine Frage der Haltung umzudeuten. Das ist bequem. Für die Ungleichheit sowieso, für die Redaktionen und Plattformen auch.

Ein wenig nüchterner Blick hilft. Laut dem Gallup World Poll lag der Anteil der Menschen, die sich im Jahr 2023 weltweit als stressgeplagt empfanden, bei 42 Prozent. In einem solchen Umfeld wird das Mantra von der permanenten Selbstverbesserung schnell zynisch: Wer ohnehin unter Druck steht, braucht nicht noch den Rat, neidfrei an sich zu arbeiten. Auch eine OECD-Auswertung zur Einkommensungleichheit zeigt, wie stark Unterschiede in wohlhabenden Ländern bleiben; Österreich liegt zwar vergleichsweise besser als manche andere Staaten, aber eben nicht in einer Utopie der Gleichheit. Die Frage ist also nicht, ob Neid peinlich ist. Die Frage ist, ob wir ihn als Symptom ernst nehmen oder als individuelles Versagen abtun.

Hier beginnt die eigentliche Heuchelei der Management- und Buzzword-Kultur. In Firmen wird Neid gern als Motivationsproblem behandelt, also als Defekt des Einzelnen. Dann heißen die Maßnahmen Leistungsfeedback, High-Performance-Mindset oder Growth Culture. Klingt modern, meint aber oft: Die Ungleichheit bleibt, nur die Sprache wird freundlicher. Wer befördert wird, soll sich bitte bescheiden geben. Wer übersehen wird, soll resilient sein. Und wer das komisch findet, hat angeblich ein Mindset-Problem. Es ist eine erstaunlich praktische Formel: Strukturen werden zu Stimmungen erklärt, und Stimmungen zu Therapiefragen.

Dabei gibt es auch eine unbequemere Perspektive: Nicht jeder Neid ist schlecht. Manchmal ist er ein frühes Warnsignal dafür, dass etwas ungerecht verteilt ist. Eine Studie von Nora E. M. van de Ven und Kollegen im Journal of Personality and Social Psychology unterscheidet zwischen bösartigem und benignem Neid. Vereinfacht gesagt: Neid kann destruktiv werden, aber er kann auch anspornen, wenn er mit dem Wunsch verbunden ist, selbst voranzukommen, statt anderen etwas zu nehmen. Das ist eine wichtige Einsicht, die im öffentlichen Gespräch oft untergeht. Denn moralisch sauber klingt nur die Version, in der niemand neidisch ist. Realistischer ist: Neid lässt sich nicht abschaffen, aber man kann seine Richtung beeinflussen.

Genau hier wird die mediale Erzählung oft schief. Plattformen leben davon, dass andere mehr zu haben scheinen: mehr Geld, mehr Zeit, mehr Fitness, mehr Stil, mehr Sinn. Das erzeugt Vergleichsdruck, und Vergleichsdruck erzeugt Klicks. Danach kommen die Ratgeberstücke und erklären uns, wie wir uns davon befreien. Ein hübscher Kreislauf. Ein bisschen so, als würde jemand erst den Raum aufheizen und dann einen Workshop über Gelassenheit anbieten. Dass dabei nicht wenige Menschen erschöpft oder wütend werden, ist kein Beweis für ihre Schwäche, sondern für das Geschäftsmodell.

Meine Haltung ist deshalb einfach: Neid ist kein edles Gefühl, aber auch kein moralischer Makel, den man mit ein paar Achtsamkeitssätzen beseitigt. Wer über Neid reden will, muss über Verteilung, Sichtbarkeit und Macht reden. Gerade in einer Medienöffentlichkeit, die Erfolg dauernd inszeniert und Ungleichheit gleichzeitig psychologisiert, ist das notwendig. Wer nur fordert, man solle einfach weniger neidisch sein, verteidigt oft genau jene Verhältnisse, die den Neid erst erzeugen. Die unangenehme Wahrheit lautet also: Nicht jeder Neid ist das Problem. Manchmal ist er die höfliche Form, in der Menschen auf eine ziemlich unhöfliche Ordnung reagieren.

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