Ein Medienmann schreibt über sein Leben, Medien und Politik – und staunt dabei über sich selbst. Das ist zunächst einmal amüsant. Denn Autobiografien dieser Art sind oft weniger Beichte als Selbstvermessung: Wer lange genug im Zentrum der Öffentlichkeit stand, erzählt am Ende gern so, als hätte er sie bloß beobachtet. Bei Wolfgang Fellner passt genau dieser Widerspruch zum Stoff.
Fellner ist seit Jahrzehnten eine der prägenden Figuren im österreichischen Boulevard- und Meinungsjournalismus. Mit Österreich und Oe24 hat er Reichweite aufgebaut, mit Kampagnen, Zuspitzungen und Grenzgängen aber auch Kritik gesammelt. Seine neue Autobiografie ist deshalb mehr als nur ein Rückblick. Sie ist ein Testfall: Wie ehrlich kann ein Mann über Medien, Macht und Politik schreiben, wenn sein eigenes Geschäftsmodell auf Aufmerksamkeit beruht?
Die ethisch relevante Frage ist nicht, ob ein Medienmacher über sich selbst schreiben darf. Natürlich darf er das. Die Frage lautet: Was wird dabei sichtbar, und was bleibt wieder einmal bequem im Dunkeln? In einer Medienökonomie, in der Reichweite oft stärker belohnt wird als Genauigkeit, hat ein Buch über die eigenen Geheimnisse einen seltsamen Beigeschmack. Es verkauft Intimität, ohne zwingend Transparenz zu liefern. Das ist nicht illegal. Aber es ist ein Muster, das man kennen sollte.
Eine nüchterne Zahl hilft beim Einordnen: Laut dem Digital News Report 2024 des Reuters Institute nutzen in Österreich 72 Prozent der Befragten soziale Medien oder Video-Plattformen als Nachrichtenquelle, während die allgemeine Vertrauenslage in Nachrichten deutlich unter früheren Werten liegt. Das ist kein Fellner-spezifisches Problem, aber es erklärt den Markt, in dem er arbeitet: Zuspitzung lohnt sich, Zurückhaltung weniger. Wer in diesem System lange oben bleibt, ist selten Zufallsprodukt. Es braucht Instinkt, Tempo und ein robustes Verhältnis zur Kritik. Oft auch ein sehr flexibles Verständnis von Distanz.
Genau hier liegt der blinde Fleck vieler Medienstars: Sie erzählen gerne von Mut und Instinkt, aber seltener von den Nebenwirkungen ihres Erfolgs. Wie oft wurde Debatte durch Inszenierung ersetzt? Wie oft wurde aus Information ein Geschäftsmodell, das Empörung monetarisiert? Eine unbequeme, aber wichtige Einsicht lautet: Boulevard ist nicht bloß laut. Er formt politische Realität, weil er Themen gewichtet, Tonlagen setzt und Personen zu Projektionen macht. Das kann demokratisch relevant sein – oder demokratisch schädlich. Der Unterschied liegt im Umgang mit Macht, nicht im Logo auf der Titelseite.
Fairerweise muss man die Gegenposition nennen: Manche werden sagen, Fellner habe den Medienmarkt einfach so bedient, wie er eben ist. Menschen wollten klare Botschaften, schnelle Bilder, starke Urteile. In dieser Lesart ist er weniger Täter als Symptom. Das stimmt teilweise. Aber genau deshalb ist die Autobiografie interessant. Wer sich nur als Reaktion auf den Markt beschreibt, macht es sich zu leicht. Dann wird aus Verantwortung ein Naturgesetz. Und Naturgesetze tragen erstaunlich schlecht vor Presserat und Öffentlichkeit.
Der überraschendere Punkt ist vielleicht dieser: Nicht nur die Skandale, sondern auch die Selbstrechtfertigung prägen die Medienkultur. Wenn ein einflussreicher Akteur seine eigene Geschichte vor allem als Kampf gegen Missverständnisse erzählt, verschiebt er die Debatte weg von Strukturen hin zur Person. Das klingt menschlich. Es ist aber auch bequem. Denn über Strukturen zu reden hieße, über redaktionelle Kontrolle, Trennung von Meinung und Nachricht, über transparente Korrekturen und über die Frage zu sprechen, wem Medien eigentlich dienen: dem Publikum oder der eigenen Marke.
Die praktische Konsequenz ist banal und wichtig zugleich. Wer Medien konsumiert, sollte stärker auf drei Dinge achten: Erstens auf klare Trennung von Nachricht und Kommentar. Zweitens auf Korrekturen, die sichtbar und nicht versteckt passieren. Drittens auf Geschäftsmodelle, die Reichweite nicht automatisch mit Wahrheit verwechseln. Für Medienhäuser gilt dasselbe in umgekehrter Richtung: Transparenz ist kein Image-Accessoire, sondern die minimale Bedingung für Glaubwürdigkeit. Wer über Macht schreibt, muss sie auch gegen sich selbst gelten lassen.
Fellners Autobiografie kann also spannend sein, gerade wenn sie unfreiwillig mehr verrät als geplant. Dann wäre sie kein Denkmal, sondern ein Dokument darüber, wie Medienmacher ihre eigene Rolle in der Öffentlichkeit deuten. Die eigentliche Probe bleibt dieselbe: Nicht wie spektakulär ein Leben erzählt wird, sondern wie ehrlich es die Kosten der eigenen Macht benennt. Und daran scheitern bekanntlich mehr große Geschichten als an der Wahrheit selbst.
Am Ende ist das vielleicht die unbequemste Lehre: Ein Medienmann, der seine Geheimnisse großformatig verkauft, liefert nicht automatisch Aufklärung. Manchmal liefert er vor allem den Beweis, dass im Journalismus die größte Versuchung nicht das Schweigen ist, sondern die kunstvoll erzählte Halbwahrheit.