Ein Fernsehabend, der früher selbstverständlich wirkte, ist heute ein kleines wirtschaftliches Wunder: Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch, liest Nachrichten, macht Witze darüber und erreicht damit noch immer Millionen. Genau deshalb ist das mögliche Ende von The Late Show mehr als nur ein weiterer Eintrag im Friedhof der TV-Formate. Es wäre das stille Eingeständnis, dass selbst ein etabliertes Format mit enormer kultureller Reichweite im ökonomischen Kampf gegen Streaming, fragmentierte Aufmerksamkeit und schrumpfende Werbegelder kaum noch zu verteidigen ist.
Stephen Colberts Sendung ist dabei kein nostalgisches Relikt für Medienromantiker. Sie war ein Geschäft mit mehreren Funktionen zugleich: eine tägliche Bühne für politische Einordnung, ein Produktionsmotor für Clips im Netz und eine Art gemeinsamer Referenzpunkt in einem Land, das sich sonst immer stärker in Medienblasen zerlegt. Gerade das machte die Show wertvoll – und teuer. Nach Angaben von Adweek lag das jährliche Produktionsbudget zuletzt bei rund 100 Millionen Dollar. Ob die genaue Summe am Ende etwas höher oder niedriger war, ändert wenig: Für ein lineares Nachtformat ist das eine Ansage, die man in Vorstandsetagen nicht mit einem Schulterzucken wegmoderiert.
Und doch wäre es zu einfach, den Verlust nur als Schlag gegen die Demokratie zu lesen. Das eigentliche Problem ist unternehmerischer und damit nüchterner: Das Geschäftsmodell der Late-Night-Show passt immer schlechter zu ihrer symbolischen Bedeutung. Die Sendung lebt von Verlässlichkeit, Wiederholung und Nähe zum Tagesgeschehen – genau jene Eigenschaften, die im digitalen Markt nur noch bedingt belohnt werden. Ein Clip von Colbert kann im Netz viral gehen; die komplette Sendung aber ist für viele Zuschauer längst zu lang, zu spät und zu linear. Man könnte sagen: Die Form bleibt elegant, der Markt ist es nicht mehr. Das ist kein moralisches Drama, sondern eine sehr alte Lektion des Mediengeschäfts.
Der Verlust wäre trotzdem real. Denn Late Night erfüllt eine Funktion, die man in Bilanzen leicht unterschätzt: Sie bündelt Aufmerksamkeit in einem Moment, in dem Öffentlichkeit sonst auseinanderfällt. Colbert war nicht bloß Entertainer, sondern ein regelmäßiger Übersetzer politischer Ereignisse. In einer Medienordnung, in der Nachrichten oft nur noch als Push-Mitteilung oder empörtes Kurzvideo ankommen, ist das nicht wenig. Es gibt einen Unterschied zwischen einem Witz über die Tagespolitik und einer Tagespolitik, die nur noch im Witz vorkommt. Diese Differenz ist kleiner geworden, aber sie ist nicht verschwunden.
Gerade aus liberaler Sicht ist das bemerkenswert. Wer Vielfalt will, darf nicht nur Kabelkanäle zählen, sondern muss auch fragen, wo überhaupt noch massenhaft geteilte kulturelle Räume entstehen. The Late Show war einer der letzten Orte, an dem politische Kritik, Popkultur und Mainstream-Unterhaltung in einem einzigen Paket verkauft wurden. Das ist ökonomisch banal und kulturell wertvoll zugleich. Dass ein Medienkonzern solche Räume nur noch fortführt, wenn sie sich direkt rechnen, ist verständlich. Dass sich daraus aber ein ärmerer öffentlicher Diskurs ergibt, ist ebenfalls wahr. Firmen logieren selten im Tempel der Demokratie; sie führen dort eher die Kostenstelle.
Die Gegenposition ist nicht absurd. Man kann argumentieren, dass die Zeit solcher Formate einfach abgelaufen ist und dass die Ressourcen besser in digitale Produktionen, Podcasts oder kürzere Videoformate fließen sollten. Genau hier liegt der blinde Fleck: Diese Angebote sind oft günstiger, aber nicht automatisch besser. Sie erreichen Menschen punktuell, nicht als gemeinsames Ritual. Sie optimieren Klicks, aber nicht unbedingt Öffentlichkeit. Das ist unternehmerisch effizient, kulturell aber ein Tauschgeschäft mit unklarem Kurswert. Was man spart, verliert man oft in Form von Relevanz wieder. Nur erscheint dieser Verlust nicht sofort in der Quartalszahl.
Ein zweiter, weniger offensichtlicher Punkt: Der Abschied von The Late Show würde nicht nur eine Sendung beenden, sondern auch die verbleibende Macht der großen Sender weiter schrumpfen lassen, Themen für eine breite Mittelschicht zu setzen. Das klingt abstrakt, hat aber praktische Folgen. Wenn die letzte verlässliche, breite Late-Night-Bühne verschwindet, wird politische Satire noch stärker in Nischen wandern, in denen nur ohnehin Überzeugte zuhören. Das ist für die Reichweite von Comedy schlecht und für die politische Debatte noch schlechter. Satire, die nur noch zu ihren Fans spricht, ist bequem. Wirksam ist sie nicht.
Man kann also gleichzeitig zwei Dinge sagen: Ja, ein Format wie The Late Show ist ökonomisch angreifbar, vielleicht sogar überdimensioniert für den heutigen Markt. Und ja, sein Verschwinden wäre ein kultureller Verlust mit realen Folgen für Reichweite, Debattenkultur und die ökonomische Logik öffentlich sichtbarer Kritik. Wer nur auf die Kosten schaut, versteht die Funktion nicht. Wer nur auf den symbolischen Wert schaut, ignoriert die Rechnung. Beides zusammen ergibt die unangenehme Wahrheit: In einer fragmentierten Medienwelt werden genau jene Formate zuerst geopfert, die noch für ein gemeinsames Publikum arbeiten.
Vielleicht ist das die unbequeme Pointe: Nicht weil Late-Night-TV unersetzlich wäre, sondern weil es zu teuer wurde, verschwinden die letzten Orte, an denen Millionen Menschen denselben politischen Witz zur selben Zeit hören konnten. Das ist keine Katastrophe mit Trommeln und Fanfaren. Es ist schlimmer: eine betriebswirtschaftlich saubere Verarmung der Öffentlichkeit.
Weiterführende Links
- Adweek: Paramount Looks to Cut Costs as CBS Late Show Faces an End
- Nielsen: The Gauge
- Pew Research Center: Americans Are Turning to Social Media for News, But There’s No Evidence They Get More Fake News There