Die nüchterne Nachricht klingt fast unösterreichisch: Die Sommersaison beginnt, und trotzdem liegt die Buchungslage vieler Betriebe noch unter dem Vorjahr. Gleichzeitig steigen Energie-, Personal- und Finanzierungskosten weiter. Das ist keine Dramatisierung, sondern eine ziemlich unbequeme Marktbeobachtung. Wer jetzt nur auf volle Betten und gute Laune hofft, verwechselt Wunschdenken mit Standortpolitik.
Österreich lebt touristisch von einem doppelten Reflex: Probleme werden gern mit Rekordsummen, Rekordnächten und Rekordbildern zugedeckt. Das funktioniert, solange die Nachfrage robust ist. Aber seit der Pandemie ist die Lage fragiler geworden. Die Statistik Austria meldete für das Tourismusjahr 2023/24 rund 154,3 Millionen Nächtigungen; das ist stark, aber eben nicht automatisch ein Freibrief für Selbstzufriedenheit. Denn Nächtigungszahlen sagen wenig darüber, ob Betriebe noch rentabel arbeiten oder ob die Wertschöpfung bei den Richtigen landet. Ein fast ausgebuchtes Haus kann wirtschaftlich trotzdem am Rand stehen, wenn die Kostenkurve steiler wächst als der Zimmerpreis.
Dazu kommt ein politisch gern übersehener Punkt: Mehr Gäste sind nicht automatisch mehr Erfolg. Die Branche spricht heuer von bis zu zwei Millionen zusätzlichen Gästen durch den Eurovision Song Contest in Wien. Das klingt groß, und kurzfristig ist es das auch. Aber gerade solche Leuchttürme zeigen die Schieflage des Systems: Der Staat investiert in die internationale Bühne, während viele kleinere Betriebe mit regulatorischem Kleinkram, Fachkräftemangel und hohen Fixkosten kämpfen. Ein Megaevent kann Nachfrage anziehen. Es ersetzt aber keine brauchbare Tourismuspolitik. Das ist ungefähr so, als würde man ein Loch im Dach mit einer hellen Werbetafel überdecken.
Die eigentliche Baustelle liegt tiefer: Österreichs Tourismus ist in vielen Regionen noch immer stark auf Volumen ausgerichtet. Viel Verkehr, viel Flächenverbrauch, viel Druck auf Infrastruktur. Gleichzeitig werden die Kosten für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht steigen, weil jemand auf einer Pressekonferenz den Begriff Saison verlängert. Die Branche braucht Arbeitskräfte, aber sie konkurriert mit Handel, Pflege, Logistik und Industrie. Wer dann reflexhaft über Arbeitskräftemangel klagt, ohne bei leistbarem Wohnen, saisonunabhängiger Beschäftigung und planbarer Auslastung anzusetzen, beschreibt nur das Symptom. Die Ursache bleibt unangetastet.
Ein zweiter blinder Fleck betrifft die öffentliche Hand. Die Debatte dreht sich oft darum, wie der Tourismus mehr Gäste anlocken kann. Die wichtigere Frage lautet aber: Welche Form von Tourismus ist für Regionen überhaupt tragfähig? Denn Förderungen, Verkehrsprojekte und Raumordnung sind längst Teil derselben Rechnung. Wenn eine Gemeinde neue Betten genehmigt, aber weder Öffis noch Wasser- und Abfallinfrastruktur nachzieht, wird der Ertrag privatisiert und die Last sozialisiert. Das ist keine marktwirtschaftliche Romantik, sondern eine ziemlich alte Rechnung auf Kosten der Allgemeinheit.
Natürlich gibt es Gegenargumente. Die Betriebe sagen zu Recht: Ohne starke Auslastung fehlen Erträge, und ohne Erträge gibt es keine Investitionen in Qualität, Personal oder Nachhaltigkeit. Das stimmt. Auch die Tourismusregionen brauchen Planbarkeit, gerade nach Jahren mit Pandemie, Inflation und geopolitischer Unsicherheit. Und ja: Ein Sommer mit mehr Gästen kann vielen Betrieben Luft verschaffen. Aber genau deshalb darf Politik nicht nur auf Stimmungsmanagement setzen. Sie muss dafür sorgen, dass aus mehr Gästen nicht bloß mehr Belastung wird.
Der entscheidende Hebel liegt nicht im nächsten Werbeslogan, sondern bei den Regeln. Wer den Sommer-Tourismus stabilisieren will, muss Kosten dämpfen, Beschäftigung erleichtern und Infrastruktur ehrlich bepreisen. Dazu gehören raschere Verfahren, aber auch klarere Grenzen beim Flächenverbrauch, mehr Unterstützung für energieeffiziente Betriebe und eine Arbeitsmarktpolitik, die Saisonarbeit nicht als naturgegebenen Ausnahmezustand behandelt. Ein Land, das vom Tourismus lebt, sollte sich nicht damit zufriedengeben, dass alle jedes Jahr ein bisschen improvisieren. Ein funktionierender Standort ist kein Postkartenmotiv.
Die unbequeme Wahrheit ist daher: Österreich braucht nicht einfach mehr Touristen, sondern einen Tourismus, der ohne Dauer-Ausnahmezustand funktioniert. Wer weiter nur auf Rekorde und Eventeffekte setzt, wird am Ende viel Betrieb und wenig Substanz haben. Und das wäre dann ausgerechnet im Land der Gastlichkeit eine ziemlich unfreundliche Strategie.
Weiterführende Links
- Statistik Austria: Tourismusjahr 2023/24 mit 154,3 Millionen Nächtigungen
- Eurovision Song Contest 2026: Wien erwartet Millionen zusätzliche Besucher