Biontech-Rückzug: Wenn der Impfstoffstandort politisch kleingerechnet wird | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Biontech-Rückzug: Wenn der Impfstoffstandort politisch kleingerechnet wird

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Ein Land, das sich in der Pandemie gern als Pharma- und Forschungsstandort feierte, diskutiert nun ernsthaft über Engpässe, falls Biontech sich weiter aus Deutschland zurückzieht. Das wirkt erst einmal wie ein Randthema für die Biotech-Branche. Ist es aber nicht. Wer Impfstoffkapazitäten leichtfertig verliert, spart nicht an Bürokratie, sondern an strategischer Reserve. Und Reserve ist im Krisenfall genau das, was man plötzlich schmerzlich vermisst.

Der Anlass ist politisch und wirtschaftlich zugleich: Biontech hat seinen Fokus in den vergangenen Jahren klar auf den internationalen Ausbau gelegt, vor allem auf die USA und andere große Märkte. In Deutschland blieb zwar Forschung, aber der Eindruck wächst, dass die industrielle Spitze wandert. Das Problem daran ist weniger ein einzelnes Unternehmen als die bequeme Illusion, man könne kritische Produktion jederzeit wieder hochfahren, wenn es nötig wird. So funktionieren Lieferketten nicht. Schon gar nicht bei komplexen Bioprozessen, qualifiziertem Personal und regulierten Anlagen.

Der Blick auf die Pandemie liefert ein nüchternes Gegenbild. 2021 bestellte die EU laut Europäischer Kommission 1,8 Milliarden Dosen des Biontech-Pfizer-Impfstoffs, um die Versorgung in der Fläche abzusichern. Diese Menge war nur möglich, weil Produktionsnetzwerke über mehrere Länder verteilt und im Krisenmodus massiv skaliert wurden. Genau daraus folgt die unbequeme Lehre: Wer Kapazitäten heute verliert, kauft sie morgen nicht im Sonderangebot zurück. Eine Impfstofffabrik ist kein Lagerregal, das man bei Bedarf aus dem Keller holt.

Besonders heikel ist der ethische Punkt. Die öffentliche Hand hat in der Pandemie hohe Risiken mitgetragen: über Vorabfinanzierungen, beschleunigte Verfahren und politische Rückendeckung. Im Gegenzug darf sie jetzt nicht so tun, als sei industrielle Daseinsvorsorge Privatsache. Wenn ein Unternehmen mit staatlich gestützter Infrastruktur und politischer Begleitung stark wächst, dann hat die Gesellschaft ein berechtigtes Interesse daran, dass am Ende nicht nur die Gewinne globalisiert werden, sondern auch die Krisenfähigkeit am Standort bleibt. Sonst wird aus Innovationspolitik schnell ein ziemlich teures Abflussrohr.

Hinzu kommt ein zweiter, weniger beachteter Punkt: Impfstoffe sind nicht nur ein Pandemieprodukt. Die Plattformen für mRNA und verwandte Technologien sind relevant für neue Krebstherapien, für saisonale Impfstoffe und für die schnelle Reaktion auf neue Erreger. Genau hier liegt ein oft unterschätzter Unterschied: Es geht nicht nur um die Frage, ob Deutschland im nächsten Notfall genügend COVID-Impfstoffe hat. Es geht darum, ob hier überhaupt noch ein industrielles Ökosystem existiert, das solche Produkte in kurzer Zeit entwickeln und herstellen kann. Forschung ohne Produktion ist im Biotech-Bereich oft nur die halbe Republik.

Die Kritik an Curevac, das von Biontech übernommen wurde, verschärft diese Debatte. Im Raum stehen Vorwürfe der Täuschung, die juristisch geklärt werden müssen; Details sollte man deshalb sauber trennen von politischen Deutungen. Trotzdem zeigt der Fall einen blinden Fleck: Deutschland diskutiert gern über Fördergelder, aber viel zu selten über die Machtverhältnisse danach. Wenn ein Unternehmen übernommen wird, Patente, Personal und Know-how abwandern und am Ende die Wertschöpfung anderswo landet, ist das nicht bloß ein Betriebsunfall. Es ist ein Standortverlust mit Ansage. Und der wird hierzulande traditionell erst dann ernst genommen, wenn die letzte Schicht schon in einem anderen Land gearbeitet hat.

Fairerweise gibt es Gegenargumente. Ein global agierendes Unternehmen muss dort investieren, wo Märkte, Förderungen und regulatorische Bedingungen am besten sind. Deutschland kann nicht jeden Konzern mit Dauersubventionen binden. Außerdem ist Europa heute besser aufgestellt als 2020: Mehrere Hersteller, stärkere Beschaffungsstrukturen und eine breitere wissenschaftliche Basis verringern das Risiko eines totalen Ausfalls. Das stimmt. Aber es ist eben kein Freifahrtschein. Resilienz entsteht nicht durch Hoffnung auf den Markt, sondern durch gesicherte Kapazitäten, redundante Produktionswege und vertragliche Bindungen.

Die Bundesregierung sollte deshalb drei Dinge tun. Erstens: eine realistische Bestandsaufnahme aller in Deutschland verfügbaren Impfstoff- und mRNA-Produktionskapazitäten, inklusive Zulieferer, Fachpersonal und kritischer Anlagen. Zweitens: langfristige Abnahme- und Bereitschaftsverträge für den Krisenfall, damit Kapazitäten nicht nur auf dem Papier existieren. Drittens: eine Industriepolitik, die Forschung, Produktion und Ausbildung zusammen denkt. Wer nur Exzellenzlabore fördert, aber keine Fertigung sichert, baut am Ende einen sehr teuren Prototypenstaat.

Am Ende steht eine einfache, unangenehme Frage: Will Deutschland bei Impfstoffen weiter von seiner eigenen Erinnerung an die Pandemie leben, oder endlich von seiner Vorbereitung auf die nächste? Wer jetzt bei den Kapazitäten spart, bekommt im Ernstfall nicht mehr Freiheit, sondern nur längere Warteschlangen. Und die sind bekanntlich der teuerste Ort für politische Fehleinschätzungen.

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