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Nordmazedonien: EU-Kandidat, aber politisch auf Abruf

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Ein Mann in Skopje steht morgens vor dem Kiosk, kauft Kaffee und eine Zeitung, und sagt halblaut: Die EU sei längst ein Versprechen mit Ablaufdatum. Das klingt bitter, ist aber schwer von der Hand zu weisen. Nordmazedonien wartet seit Jahren auf den nächsten Schritt Richtung EU, doch während in Brüssel weiter über Reformen geredet wird, wird im Land selbst an genau jenen Institutionen gerüttelt, die für einen Beitritt entscheidend wären: unabhängige Gerichte, belastbare Verwaltung, fairer öffentlicher Dienst.

Der Blockadeweg ist bekannt. Frankreich bremste 2019 die Erweiterung mit dem Verweis auf eine umfassendere Reform des Beitrittsprozesses, Bulgarien hielt Nordmazedonien danach wegen historischer und sprachpolitischer Fragen lange fest. Erst 2022 wurden die Verhandlungen offiziell eröffnet, nachdem ein französischer Vorschlag den Streit teilweise entschärfte. Doch eröffnet ist nicht angekommen. Seitdem bleibt der Fortschritt quälend langsam – und genau diese Verzögerung wirkt im Inneren des Landes wie ein politisches Gift: Wer jahrelang hört, dass der nächste Schritt ohnehin verschoben wird, verliert irgendwann auch die Lust, ihn sauber vorzubereiten.

Die nüchterne Lage ist unbequem. Die EU-Kommission schreibt in ihrem North Macedonia Report 2024, dass das Land bei Justizreformen, öffentlicher Verwaltung und Korruptionsbekämpfung zwar gesetzliche Fortschritte vorzeigt, die Umsetzung aber oft schwach bleibt. Genau dort liegt das Problem sozialpolitisch am deutlichsten: Ein Staat kann auf Papier reformiert wirken und trotzdem im Alltag schief hängen. Wenn Jobs im öffentlichen Sektor weiter als politische Beute gelten, wenn Verfahren langsam und vorhersehbar ungleich sind, dann trifft das nicht zuerst Minister oder Parteifunktionäre. Es trifft Menschen, die auf Genehmigungen, Schulen, Pflege oder Sozialleistungen angewiesen sind.

Ein Blick auf die Gesellschaft zeigt die Schieflage. Das Land zählt laut Weltbank rund 1,8 Millionen Einwohner, und die Wirtschaft ist klein, verwundbar und stark von Überweisungen aus dem Ausland abhängig. Für viele Familien ist das keine abstrakte Strukturfrage, sondern Alltag: Geld kommt aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz, während zu Hause Löhne, Leistungen und Chancen oft hinterherhinken. Eine EU-Perspektive sollte genau hier Stabilität schaffen. Stattdessen bleibt sie zu oft ein fernes Etikett. Das ist die wenig beachtete Pointe: Nicht nur die Blockaden aus der EU haben geschadet. Auch die endlose Wartezeit selbst produziert in Nordmazedonien eine politische Kultur des Durchwurstelns. Wer immer nur auf den nächsten Gipfel schaut, baut keinen funktionierenden Staat für die nächste Busfahrt, den nächsten Arzttermin oder den nächsten Schulweg.

Fairerweise gibt es die Gegenposition. In Brüssel und in manchen Hauptstädten lautet sie: Strenge Bedingungen seien nötig, sonst importiere man Rechtsstaatsprobleme direkt in die Union. Das Argument ist nicht falsch. Die EU hat bei früheren Erweiterungen erlebt, dass formale Mitgliedschaft keine automatische Heilung bringt. Wer die Handschrift der Justizreformen in Nordmazedonien liest, merkt schnell, dass die Skepsis nicht aus der Luft gegriffen ist. Auch die OSZE hat bei vergangenen Wahlen wiederholt auf ungleiche Medienzugänge, Verwaltungsdruck und politische Polarisierung hingewiesen. Ein Land mit solchen Defiziten kann man nicht einfach per Wunschzettel in einen Rechtsstaat verwandeln.

Aber genau hier beginnt die europäische Doppelmoral. Die EU verlangt glaubwürdige Reformen, bietet aber oft nur ein Verfahren an, das selbst unglaubwürdig wirkt: langsame Belohnung, schnelle Demütigung. Frankreich und Bulgarien haben gezeigt, wie leicht bilaterale Interessen den gesamten Prozess lähmen können. Für Menschen vor Ort ist das kein geopolitisches Lehrstück, sondern eine Lektion in politischer Resignation. Wenn der Beitritt von wechselnden Vetos abhängt, warum sollte dann ein Bürgermeister, ein Richter oder ein Beamter kurzfristig gegen das eigene Klientelnetzwerk arbeiten? Die Antwort ist ernüchternd: weil es richtig wäre. Aber genau diese Art von Rückgrat wächst nicht im Wartesaal.

Es gibt noch eine unbequeme Einsicht, die im EU-Diskurs selten laut ausgesprochen wird: Der Kandidatenstatus allein kann eine Art Alibi-Stabilität erzeugen. Ein Land wirkt nach außen reformorientiert, innen aber bleibt vieles beim Alten. Das ist der seltsame Luxus des Wartens. Nordmazedonien ist damit nicht einfach Opfer von Blockadepolitik. Es ist auch ein Beispiel dafür, wie ein halboffenes Europa Reformen verspricht, aber soziale Ungleichheit, Parteibuchwirtschaft und institutionelle Müdigkeit in der Schwebe hält. Der offizielle Kurs heißt Annäherung, der praktische Zustand heißt Stillstand mit Aussicht.

Wer es ernst meint mit EU-Erweiterung, muss deshalb zwei unbequeme Dinge gleichzeitig sagen: Erstens, Vetospiele einzelner Mitgliedstaaten beschädigen die Glaubwürdigkeit des gesamten Projekts. Zweitens, Nordmazedonien kann sich nicht ewig auf diese Vetos herausreden, wenn im Inneren die Rechtsstaatlichkeit erodiert und öffentliche Institutionen als Beute behandelt werden. Die EU darf nicht länger so tun, als sei Geduld schon Politik. Und Nordmazedonien darf nicht so tun, als sei Warten dasselbe wie Reformieren. Sonst bleibt der Kandidat auf verlorenem Posten – mit einer Eintrittskarte, die immer wieder kontrolliert, aber nie abgestempelt wird.

Die eigentliche Zumutung ist einfach: Wenn Brüssel nicht endlich klarer, fairer und weniger erpressbar wird, und wenn Skopje nicht entschiedener gegen die eigene politische Selbstbedienung vorgeht, dann wird Nordmazedonien nicht an der EU scheitern, sondern an der bequemen Gewohnheit, Unverbindlichkeit für Strategie zu halten.

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