Wenn Kontrolle zur Show wird: „Auflösung“ im Brut als kluge Medienkritik | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Wenn Kontrolle zur Show wird: „Auflösung“ im Brut als kluge Medienkritik

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Eine Frau spricht, als müsste sie den Raum erst noch finden. Ein Bildschirm antwortet schneller als jeder Mensch. Und plötzlich ist da dieses unangenehme Gefühl: Nicht die Technik verliert die Kontrolle, sondern wir geben sie längst freiwillig ab. Auflösung. Ein (virtueller) Kontrollverlust im brut macht genau daraus einen Theaterabend, der weniger nach Eskapismus aussieht als nach Zustandsbeschreibung.

Die neue immersive Performance von Victoria Halper und Kai Krösche ist kein Abend, der digitale Oberflächen nur dekorativ ausstellt. Er trifft einen Nerv, weil er an etwas rührt, das im Alltag gern verdrängt wird: Wir leben in Systemen, die auf Beteiligung angewiesen sind, während sie uns gleichzeitig zu Zuschauern unserer eigenen Ablenkung machen. Das ist nicht nur eine ästhetische Frage, sondern eine medienkritische. Wer heute über Kontrolle spricht, muss über Interfaces, Aufmerksamkeitsökonomie und über die Bequemlichkeit des Mitmachens sprechen.

Die Zahlen dazu sind längst keine Randnotiz mehr. Nach dem Digital 2025 Global Overview Report verbringen Menschen weltweit im Schnitt rund 6 Stunden und 38 Minuten pro Tag online. In Österreich lag die durchschnittliche Internetnutzung laut DataReportal im Jahr 2024 bei knapp 6 Stunden täglich. Das ist nicht bloß viel. Es ist ein kompletter Nebenraum des Lebens. Und dieser Raum wird zunehmend von Plattformen organisiert, die nicht Information priorisieren, sondern Verweildauer. Ein Algorithmus fragt ja nicht: Was ist wahr? Er fragt: Was hält dich hier?

Genau hier liegt die Stärke von Auflösung: Die Performance behandelt virtuellen Kontrollverlust nicht als Technikangst, sondern als soziale Logik. Wir verlieren Orientierung nicht, weil wir zu dumm für digitale Medien wären. Wir verlieren sie, weil diese Medien auf permanente Reizsetzung gebaut sind. Benachrichtigungen, Feeds, Clips, Reaktionen – alles ist darauf optimiert, den Moment der Distanz zu unterbrechen. Die eigentliche Pointe ist unbequem: Nicht die Überforderung ist das Problem, sondern ihre Normalisierung.

Eine wenig beachtete Einsicht dabei: Viele halten sich für souverän, solange sie selbst wählen können, was sie konsumieren. Das klingt frei, ist aber oft nur die freundliche Variante der Fremdsteuerung. Denn Auswahl allein bedeutet noch keine Kontrolle, wenn die Architektur der Auswahl schon vorgibt, was sichtbar, schnell und emotional anschlussfähig ist. Der britische Beisein-Effekt des Digitalen: Man ist dauernd dabei, aber selten wirklich anwesend. Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein Systemeffekt.

Gleichzeitig wäre es zu einfach, digitale Medien nur als Verfallsform zu sehen. Gerade immersive Formate wie diese Performance zeigen auch ihr Gegenpotential: Sie können Wahrnehmung verlangsamen, Verknüpfungen sichtbar machen und jene Distanz erzeugen, die im Alltag fehlt. Das Theater hat hier einen Vorteil, den Social Media nie haben wird: Es zwingt nicht zur sofortigen Reaktion. Man darf irritiert sein, ohne gleich zu kommentieren. Ein kleiner Fortschritt, fast schon revolutionär im Jahr 2026.

Die Gegenposition ist deshalb ernst zu nehmen. Wer sagt, digitale Räume seien auch Orte von Teilhabe, politischer Mobilisierung und künstlerischer Innovation, hat recht. Ohne soziale Medien wären viele Proteste, Gegenöffentlichkeiten und solidarische Netzwerke schwerer sichtbar geworden. Doch diese Einwände kippen nicht die Kritik, sondern schärfen sie: Teilhabe ist nicht automatisch Emanzipation. Dieselbe Infrastruktur, die Solidarität ermöglicht, monetarisiert Aufmerksamkeit und belohnt affektive Zuspitzung. Das ist der Doppelcharakter der Plattformen – demokratisch im Zugang, oligarchisch in der Verteilung von Sichtbarkeit.

Auflösung wirkt deshalb dann am stärksten, wenn der Abend nicht so tut, als müsse man das Digitale bloß ablehnen. Er zeigt eher, wie tief die Logik des Kontrollverlusts bereits in die soziale Realität eingesickert ist: in unsere Arbeit, unsere Gespräche, unsere Selbstbilder. Wer heute noch von Medien als bloßen Werkzeugen spricht, hat den Umbau der Wirklichkeit vermutlich verpasst. Medien sind längst Umgebungen geworden – und Umgebungen prägen Verhalten, bevor wir es bemerken.

Das ist die unbequeme Leistung dieser Performance: Sie macht das diffuse Gefühl von Überforderung nicht individuell, sondern politisch lesbar. Und sie erinnert daran, dass Kontrolle im Digitalen oft nur als Komfort verkauft wird. Wer Auflösung sieht, verlässt das brut nicht mit einer Lösung. Aber vielleicht mit einem klareren Verdacht: Der Kontrollverlust ist nicht die Ausnahme unseres Medienalltags. Er ist sein Geschäftsmodell.

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