Tennisstars gegen Grand Slams: Mehr vom Kuchen – oder der Boykott? | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Tennisstars gegen Grand Slams: Mehr vom Kuchen – oder der Boykott?

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Wenn die besten Tennisspieler der Welt mit Boykott drohen, klingt das zunächst nach klassischem Millionärsstreit. Ein bisschen mehr Kuchen für Leute, die ohnehin schon genug bekommen? So einfach ist es nicht. Denn im Tennis ist die Verteilung der Einnahmen seit Jahren ein Streitpunkt, der weit über Neid oder Gier hinausgeht. Es geht um die Frage, wer das Risiko trägt, wer die Wertschöpfung macht und warum ausgerechnet die sichtbarsten Arbeiter im Produkt oft nur einen begrenzten Anteil bekommen.

Der Kern der aktuellen Auseinandersetzung ist messbar: Bei den vier Grand Slams fließen die Preisgelder zwar in beeindruckender Höhe, aber ihr Anteil an den Gesamteinnahmen der Turniere ist seit Jahren umstritten. Die Spieler wollen mehr als bisher, manche sprechen offen von einem Anteil von etwa 20 bis 25 Prozent an den Turniererträgen, wie er in anderen Ligen oder Sportarten üblich ist. Die Grand Slams verweisen dagegen auf ihre Kosten: Infrastruktur, Sicherheit, Personal, Nachwuchsförderung, Medienproduktion, Marketing. Auch das ist real. Aber die Rechnung endet nicht dort, wo die TV-Kamera aus ist.

Ein Blick auf die Praxis zeigt den Widerspruch. Bei den US Open 2024 betrug das Gesamtpreisgeld laut Veranstalter 75 Millionen US-Dollar, ein neuer Rekord. Das klingt großzügig, ist aber nur dann aussagekräftig, wenn man den Umsatz dagegenhält. Die USTA meldete für 2023 Gesamteinnahmen von rund 560 Millionen US-Dollar. Selbst wenn man Kosten und Investitionen abzieht, bleibt die Frage: Warum wird der zentrale Leistungsfaktor auf dem Platz so defensiv am Umsatz beteiligt? Im Football oder Basketball wäre die Antwort längst in Tariflogiken gegossen. Im Tennis wird sie seit Jahren in PR-Sprache verpackt.

Ein oft übersehener Punkt: Die Spieler sind nicht nur Stars, sondern auch ein Betriebsrisiko. Fällt Carlos Alcaraz in Runde zwei aus, bricht für viele Zuschauer ein Teil des Showspektakels weg. Fällt bei einer Mannschaftssportart ein Spieler aus, bleibt das Produkt stabiler. Genau deshalb ist die Vergleichslogik mit Ligen nur begrenzt, aber eben nicht völlig unbrauchbar. Die Grand Slams verkaufen nicht nur Tradition, sondern vor allem die Leistung der Athleten. Dass die Athleten dann bei der Verteilung nach unten verhandeln müssen, wirkt wie ein Geschäftsmodell aus einer Zeit, in der man Leistungsgedanke noch mit nimm, was dir gegeben wird verwechselte.

Die Gegenseite hat trotzdem starke Argumente. Die vier Majors sind keine normalen Turniere, sondern Marken mit hoher Eigenleistung. Wimbledon etwa lebt nicht nur von Federer, Nadal oder Swiatek, sondern auch von jahrzehntelanger Reputation, Rasenpflege und streng kalkulierter Knappheit. Außerdem finanzieren die Veranstaltungen im Tennis tatsächlich einen großen Teil des ökonomischen Ökosystems: Qualifikation, Mixed, Doppel, Junioren, Pensionen, Entwicklung auf Verbandsebene. Wer den Spieleranteil drastisch erhöht, muss sagen, wo gekürzt wird. Bei kleineren Events, im Nachwuchs oder bei den Randdisziplinen? Genau dort wird es unbequem.

Und doch bleibt ein blinder Fleck in der Verteidigung der Grand Slams: Das Argument Wir investieren ja zurück in den Sport erklärt nicht automatisch, warum die Verteilung so asymmetrisch bleibt. Wenn ein Turnier Milliarden an Reichweite und Werbung aus den Namen der Spieler zieht, dann ist ein zweistelliger Prozentanteil an den Einnahmen keine Revolution, sondern betriebswirtschaftliche Normalität. In der NBA liegt der Spielergehaltsanteil durch den Tarifvertrag grob bei knapp über 50 Prozent der Basketball-bezogenen Einnahmen. Tennis fordert nichts Exotisches, sondern versucht gerade erst, in Richtung einer solchen Logik zu kommen. Das ist weniger Radikalismus als Nachholen.

Die überraschendere Erkenntnis ist vielleicht diese: Der größte Gegner fairerer Verteilung ist nicht nur die Gier der Funktionäre, sondern die Zersplitterung des Tennis selbst. ATP, WTA, Grand Slams und nationale Verbände verhandeln wie vier Küchenchefs, die alle dasselbe Menü verkaufen, aber niemanden die Rechnung sehen lassen wollen. Solange das so bleibt, gewinnen vor allem die institutionell Starken. Und die können sich im Zweifel auf Tradition berufen, was im Sport oft die elegante Form für so haben wir es immer gemacht ist.

Meine Haltung ist klar: Die Spieler haben einen legitimen Punkt. Wer das Produkt Tennis trägt, soll auch einen fairen Anteil am Umsatz erhalten. Nicht weil Stars automatisch mehr verdienen müssten, sondern weil der Marktwert des Turniers ohne sie nicht derselbe wäre. Ein Boykott wäre dennoch ein riskantes Instrument, weil am Ende vor allem Fans und kleinere Profis leiden würden. Aber die Drohung erfüllt ihren Zweck: Sie macht sichtbar, dass Grand Slams nicht nur Glanzveranstaltungen, sondern auch Verteilungsmaschinen sind. Und wenn die Verteilung dauerhaft schief ist, hilft kein Verweis auf Tradition. Dann ist Tradition bloß ein besonders höfliches Wort für Besitzstand.

Die unbequeme Wahrheit lautet daher: Entweder die Grand Slams geben den Spielern mehr vom Umsatz, oder sie müssen irgendwann erklären, warum ausgerechnet diejenigen, die das Theater verkaufen, beim Applaus nur mit einem symbolischen Händedruck abgespeist werden.

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