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Sie lebt in eurer Pisse: Holzingers Urin-Pavillon in Venedig

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Am Eingang riecht es nicht nach Erhabenheit, sondern nach einer Zumutung. Wer den österreichischen Pavillon in Venedig betritt, steht nicht vor einer hübschen Allegorie auf Wasser, sondern mitten in einer Performance, die den eigenen Körper nicht als Privatangelegenheit behandelt. Florentina Holzinger hat sich für die Biennale nie mit dekorativer Unschuld aufgehalten. Diesmal setzt sie den härtesten Stoff ihrer Ästhetik ein: Wasser als Reinigung, als Abfall, als Kreislauf, als Bedrohung. Und ja, auch als Urin. Der Tank ist kein Gag. Er ist die Pointe.

Das ist mehr als Effektkunst. Venedig ist selbst eine Stadt im Dauerwiderspruch: über Jahrhunderte vom Wasser getragen, heute vom Wasser unterspült. Der Meeresspiegel steigt nicht theoretisch, sondern messbar. Der Weltklimarat verweist in seinem Sechsten Sachstandsbericht darauf, dass der globale mittlere Meeresspiegel zwischen 1901 und 2018 um etwa 20 Zentimeter gestiegen ist; seit 1900 hat sich die Rate deutlich beschleunigt. Für Venedig kommt noch etwas hinzu: die Stadt sinkt langsam, und Hochwasserereignisse nehmen zu. Das berühmte Acqua alta ist längst nicht mehr nur eine Jahreszeit, sondern ein politischer Dauerzustand. Wer dort über Wasser spricht, spricht immer auch über Infrastruktur, Tourismus, Verdrängung und den Preis des Nicht-Handelns.

Holzingers Pavillon trifft damit einen wunden Punkt, weil er die übliche Kulturtechnik der Reinwaschung sabotiert. In Europa reden wir gern über Wasser in der Grammatik der Sauberkeit: Trinkwasser, Badewasser, Heilwasser. Was in der Toilette landet, verschwindet dagegen aus dem Blick. Genau dort sitzt die Provokation der Arbeit. Der Urin-Tank erinnert daran, dass menschliche Stoffwechselprodukte nicht außerhalb der Stadt, der Ökonomie und der Umwelt stehen. Sie werden gesammelt, transportiert, geklärt, eingeleitet, wieder verdünnt. Die Wohlstandsgesellschaft lebt nicht nur von Kreisläufen, sie versteckt sie auch geschickt.

Die unbequeme Einsicht ist, dass diese Verdrängung nicht harmlos ist. Weltweit haben laut WHO und UNICEF rund 3,5 Milliarden Menschen keinen sicher gemanagten Sanitärzugang. Das ist keine Randnotiz aus dem globalen Süden, sondern die Folie, auf der der westliche Reinheitskult erst seine ganze Selbstgefälligkeit entfaltet. Wir inszenieren Hygiene als individuelles Wohlfühlversprechen, während große Teile der Welt an fehlender Abwasserinfrastruktur, Gewässerverschmutzung und medizinischen Folgen scheitern. Kunst, die Urin nicht versteckt, sondern ausstellt, bringt also nicht nur Ekel, sondern Realität zurück in den Raum.

Man kann das natürlich als kalkulierte Provokation abtun. Das wäre der bequeme Reflex: Ein bisschen Nacktheit, ein bisschen Flüssigkeit, ein bisschen Skandal, fertig ist die Biennale. Aber genau das greift hier zu kurz. Holzinger arbeitet nicht mit Schock um des Schocks willen, sondern mit Überforderung als Erkenntnismethode. Ihr Pavillon ist ein Tempel der Reinigung, der zugleich zeigt, dass Reinigung immer auch Verschiebung bedeutet: Schmutz verschwindet nie, er wird nur anderswo konzentriert. Wer das lächerlich findet, sollte sich die Abwasser- und Kläranlagen einer Stadt ansehen. Auch dort arbeitet keine Magie, sondern Physik, Chemie und politischer Wille. Nur ohne Kunstkritik an den Wänden.

Gegen diese Lesart lässt sich einwenden, dass die Arbeit mit Exzess und Körperfluiden längst zur vertrauten Währung der Gegenwartskunst geworden ist. Das stimmt. Gerade deshalb braucht eine solche Arbeit mehr als Grenzüberschreitung. Sie muss etwas präzise sichtbar machen, was sonst im Gewöhnlichen untergeht. Hier liegt die Stärke von Holzingers Ansatz: Der Urin-Tank steht nicht bloß für Grenzverletzung, sondern für eine simple Wahrheit, die in Debatten über Klima und Stadtplanung oft verloren geht. Wasser ist keine Metapher. Es ist Material, Infrastruktur, Risiko. Und es reagiert nicht auf gute Absichten, sondern auf Mengen, Temperaturen, Versiegelung und Zeit.

Eine zweite, weniger offensichtliche Lesart ist noch interessanter: Die Arbeit ist nicht nur ökologisch, sondern auch sozial. Wer sich über den Urin empört, reagiert oft weniger auf die Flüssigkeit als auf den Verlust kultureller Kontrolle. In der Kunst darf der Körper alles zeigen, solange er elegant genug bleibt. Holzinger verweigert diese Eleganz. Damit trifft sie einen Nerv, der bis in die Debatten um Pflege, Menstruation, Behinderung und Alter reicht. Der Körper ist nie nur schön oder autonom. Er produziert, scheidet aus, verliert, kippt. Das ist kein Makel, sondern die Grundbedingung jeder Gesellschaft, die mehr sein will als ein Instagram-Filter.

Genau deshalb ist dieser Pavillon auch politischer als viele glatt formulierte Umweltbotschaften. Er predigt nicht Nachhaltigkeit, sondern legt den Preis unserer Abwehr frei. Wer Venedig heute besucht, sieht eine Stadt, die sich mit Dämmen, Pumpen, Regeln und Geld gegen den Kollaps stemmt. Wer Holzingers Arbeit sieht, sieht etwas Ähnliches im Kleinen: eine Kunstform, die das Unreine nicht eliminiert, sondern als Wahrheit des Systems ausstellt. Das ist unbequem, manchmal anstrengend, gelegentlich auch zu viel. Aber die Gegenwart ist nicht weniger zu viel. Sie ist nur besser beleuchtet.

Am Ende bleibt eine einfache, unangenehme Pointe: Holzinger zeigt im österreichischen Pavillon nicht, dass Kunst alles darf, sondern dass unsere Sauberkeitsfantasien immer schon auf einem Haufen ausgelagerter Körperlichkeit stehen. Wer darin nur Tabubruch sieht, hat den eigentlichen Skandal noch nicht verstanden. Er lautet: Wir leben längst in eurer Pisse, nur gewohnt haben wir uns daran, sie anders zu nennen.

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