Grundlagenforschung in Österreich boomt – aber nicht jeder Aufschwung ist ein Sieg | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Grundlagenforschung in Österreich boomt – aber nicht jeder Aufschwung ist ein Sieg

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2024 war für die Grundlagenforschung in Österreich ein gutes Jahr – zumindest auf dem Papier. Der Wissenschaftsfonds FWF förderte so viele Forschende wie nie zuvor. Mehr Projekte, mehr Mittel, mehr Karrieren, die auf Forschungszeit statt auf Drittmittel-Zirkus hoffen dürfen. Das klingt nach Aufbruch. Und ist es auch. Nur: Ein Aufwind ist noch kein sauberer Kurs.

Denn hinter der positiven Zahl steckt eine unangenehme Frage: Wer profitiert eigentlich von diesem Wachstum? Der FWF ist Österreichs zentrale Institution für die Förderung der Grundlagenforschung. Sein Auftrag ist klar: exzellente Forschung finanzieren, ohne unmittelbaren Verwertungsdruck. Genau das ist wissenschaftlich klug – und ethisch wichtig. In einer Zeit, in der Forschung oft danach bewertet wird, wie schnell sie sich in Patente, Start-ups oder Standortmarketing übersetzen lässt, erinnert der FWF an eine unbequeme Wahrheit: Nicht alles Wertvolle muss sofort nützlich sein.

Der jährliche FWF-Bericht zeigt, dass 2024 mehr Anträge bewilligt und mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterstützt wurden als zuvor. Dass der Fonds seinen Wachstumspfad fortsetzt, ist auch eine politische Botschaft. Österreich investiert mehr in freie Erkenntnis. Das ist erfreulich, gerade weil die öffentliche Debatte über Forschung oft an der Oberfläche bleibt: Meist geht es um Leuchttürme, Nobelpreisnähe oder die nächste industrielle Anwendung. Selten um die stillere, längere Arbeit, aus der spätere Durchbrüche überhaupt erst entstehen. Die mRNA-Technologie etwa wäre ohne jahrzehntelange Grundlagenforschung kaum in der Form möglich gewesen, in der sie später Impfstoffe geprägt hat. Der Nutzen kam nicht auf Bestellung, sondern aus geduldiger Neugier.

Und trotzdem lohnt Skepsis. Denn Wachstum in der Forschungsförderung sagt noch nichts über die Verteilung der Chancen. Wer Anträge schreiben kann, wer in gut ausgestatteten Institutionen sitzt, wer Zeit und Personal hat, ist im Vorteil. Der FWF belohnt Qualität – aber Qualität entsteht nicht im luftleeren Raum. Eine Akademie mit stabilen Strukturen hat mehr Chancen als eine prekär finanzierte Nachwuchsgruppe an der Grenze zur Selbstausbeutung. Das ist kein Vorwurf an den FWF. Es ist ein Strukturproblem des Systems. Wenn Förderung vor allem dort ankommt, wo schon professionell eingereichte Exzellenz vorhanden ist, kann der Aufstieg von mehr Förderfällen auch heißen: Die ohnehin Starken werden effizienter gestärkt.

Hier liegt die ethische Sollbruchstelle. Grundlagenforschung gilt als frei, offen, elitär nur im besten Sinn. In der Praxis ist sie aber sozial selektiv. Wer im richtigen akademischen Milieu sozialisiert wurde, wer internationale Netzwerke hat und sich eine Phase der Unsicherheit leisten kann, kommt leichter hinein. Für Menschen ohne ökonomisches Polster ist der Weg länger und riskanter. Der Aufwind der Forschung ist also auch ein Test darauf, ob Österreich wissenschaftliche Exzellenz mit fairen Zugangschancen verbindet – oder ob man Vielfalt vor allem in Sonntagsreden schätzt. Der feine Unterschied zwischen offen und offen für jene mit passenden Voraussetzungen ist in der Wissenschaft leider nicht immer klein.

Ein zweiter blinder Fleck betrifft die Wirkungsmessung. Grundlagenforschung braucht Zeit, manchmal Jahrzehnte. Genau deshalb ist es vernünftig, sie nicht kurzfristig zu pressen. Aber die Kehrseite dieser Logik ist bequem: Was sich politisch nicht schnell bewerten lässt, kann auch schlecht gegen Sparrunden verteidigt werden. Deshalb ist Wachstum allein keine Garantie. Es muss mit institutioneller Stabilität, verlässlichen Karrierewegen und offener Rekrutierung einhergehen. Sonst produziert man zwar mehr geförderte Projekte, aber nicht automatisch mehr wissenschaftliche Freiheit. Eine Förderstatistik kann glänzen, während der Nachwuchs trotzdem auf Kante lebt.

Fairerweise gibt es starke Gegenargumente gegen diese Kritik. Erstens: Der FWF arbeitet wettbewerblich, peer-reviewbasiert und mit internationaler Begutachtung. Das ist immer noch eines der besten Mittel gegen Willkür. Zweitens: Gerade in kleineren Wissenschaftssystemen wie Österreich ist ein wachsender FWF wichtig, weil er Spielräume schafft, die Universitätsbudgets allein nicht bieten. Drittens: Mehr geförderte Forschende bedeuten real mehr wissenschaftliche Zeit, und Zeit ist in der Forschung keine Nebensache, sondern die eigentliche Währung. Wer jemals ein Labor, ein Archiv oder ein theoretisches Projekt unter Zeitdruck gesehen hat, weiß das.

Nur sollte man sich von dieser Ermutigung nicht einlullen lassen. Der eigentliche Fortschritt wäre nicht, wenn Österreich einfach mehr Grundlagenforschung fördert. Der eigentliche Fortschritt wäre, wenn diese Förderung weniger vom sozialen Zufall abhängt, besser in den wissenschaftlichen Nachwuchs hineinwirkt und nicht nur die bereits gut positionierten Häuser noch besser macht. Sonst feiern wir einen Aufwind, der in Wahrheit nur die Segel derer füllt, die ohnehin schon auf Kurs waren.

Die unbequeme Schlussfolgerung lautet daher: Österreichs Grundlagenforschung wächst – aber ob sie dadurch gerechter wird, ist völlig offen. Und genau daran sollte sich der Erfolg des FWF künftig messen lassen: nicht nur an mehr bewilligten Projekten, sondern daran, wer überhaupt die Chance bekommt, Neugier in Erkenntnis zu verwandeln.

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