Am Donaukanal sitzt um fünf Uhr nachmittags niemand mit der Absicht, ein Weltwunder zu besichtigen. Ein paar Menschen trinken ein Bier, zwei Lieferdienste rollen vorbei, auf der anderen Seite glitzert das Wasser genau so wenig wie ein ESC-Bühnenbild. Und gerade darin liegt der Reiz: Wien verkauft sich gern als große Kulisse, aber die Stadt funktioniert wirtschaftlich am stärksten dort, wo sie nicht posaunt.
Der Eurovision Song Contest bringt Glanz, volle Hotels und internationale Aufmerksamkeit. Das ist messbar. 2015, als Wien den ESC ausrichtete, bezifferte die Stadt die Wertschöpfung des Events auf rund 38 Millionen Euro; zusätzlich sprach man von mehreren Tausend Gästen, die wegen des Wettbewerbs kamen. Das ist kein Kleingeld, aber auch keine Zauberei. Der Effekt verteilt sich vor allem auf Beherbergung, Gastronomie und Verkehr. Die große Bühne hilft also der Stadtökonomie, aber sie macht Wien nicht erst lebenswert.
Der eigentliche Fehler vieler ESC-Erzählungen: Sie tun so, als sei Kultur nur dann wirtschaftlich relevant, wenn sie laut ist. Dabei entstehen die robusteren Einnahmen oft im Alltäglichen. Ein Würstelstand um Mitternacht, ein Kaffee am Morgen, ein Spaziergang durch den Zentralfriedhof, eine Fahrt mit der U-Bahn hinaus zum Donaukanal – das sind keine Nebensachen. Sie sind das Geschäftsmodell einer Stadt, die Besuchern nicht nur ein Event, sondern einen Rhythmus verkauft. Wien hat 2023 laut Tourismusberichten wieder mehrere Millionen Nächtigungen erreicht; das zeigt weniger einen einzelnen Hype als eine erstaunlich stabile Nachfrage nach genau diesem Mix aus Zugänglichkeit, Sicherheit und leicht morbider Selbstironie.
Und hier wird es unbequem: Wien lebt nicht davon, dass jeder Besuch spektakulär ist. Es lebt davon, dass viele Erlebnisse billig oder sogar gratis bleiben. Das ist wirtschaftlich klug, aber politisch nicht selbstverständlich. Wer den Stadtraum nur als Renditefläche betrachtet, verdrängt genau jene Orte, die Wien attraktiv machen: den freien Zugang zum Wasser, öffentliche Verkehrsmittel, Friedhöfe als historische Räume, Märkte, Parks, Plätze. Ein Donaukanal voller teurer Pop-up-Bars wäre vielleicht instagrammable. Besser wäre er nicht.
Natürlich gibt es die Gegenposition: Große Events wie der Eurovision Song Contest schaffen Sichtbarkeit, bringen externe Ausgaben in die Stadt und stärken das Image. Das stimmt. Aber Image ist kein Ersatz für urbane Substanz. Der ökonomische Wert von Wien entsteht nicht erst in der Sonderwoche mit ESC-Logo, sondern in den 51 Wochen danach, in denen ein sauberer, günstiger, funktionierender Alltag mehr wert ist als ein Feuerwerk. Genau das übersieht der übliche Event-Optimismus gern.
Die überraschendste Einsicht ist deshalb vielleicht diese: Der ESC passt nicht deshalb so gut nach Wien, weil die Stadt glamourös genug wäre. Er passt, weil Wien eine seltene Mischung aus internationaler Bühne und sozialer Normalität bietet. Man kann hier Weltklasse sehen und trotzdem danach für ein paar Euro essen. Man kann am Kanal sitzen, am Friedhof spazieren und nachts eine Wurst kaufen, ohne dass daraus ein Luxusprodukt gemacht wird. Das ist kein Nebeneffekt. Das ist die eigentliche ökonomische Stärke der Stadt.
Wer Wien nur auf den Eurovision Song Contest reduziert, verfehlt den Punkt. Die Stadt ist nicht dann erfolgreich, wenn sie kurz laut wird. Sie ist erfolgreich, wenn sie im Alltag für viele bezahlbar bleibt. Genau das ist der unbequeme Teil: Wien verdient Applaus nicht für die Show, sondern für die Infrastruktur dahinter. Und wenn das manchen zu unspektakulär klingt, ist das vielleicht nur ein Zeichen, dass sie Wirtschaft noch immer mit Glanz verwechseln.