Frankreichs öffentlich-rechtlicher Rundfunk: Zu groß, zu träge, zu schnell im Kreuzfeuer | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Frankreichs öffentlich-rechtlicher Rundfunk: Zu groß, zu träge, zu schnell im Kreuzfeuer

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Als Charles Alloncle den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Frankreich als nicht mehr zeitgemäß angreift, klingt das erst einmal nach dem üblichen Reflex aus dem politischen Maschinenraum: Man kritisiert etwas, das teuer ist, unbequem wirkt und sich schlecht in eine Schlagzeile pressen lässt. Doch der Vorwurf trifft einen wunden Punkt. Nicht, weil der öffentliche Rundfunk überflüssig wäre. Sondern weil Frankreich seit Jahren so tut, als könne man ihn gleichzeitig als demokratische Grundversorgung, Kulturträger und politischen Streitfall behandeln, ohne irgendwann die Rechnung zu sehen.

Die Rechnung ist nicht klein. France Télévisions, Radio France, France Médias Monde, Arte France und INA kamen 2024 zusammen auf einen öffentlich finanzierten Kernhaushalt in der Größenordnung von etwas über 4 Milliarden Euro. Das ist kein Luxusproblem, aber auch kein symbolischer Beleg für nationale Großzügigkeit. Zum Vergleich: Im deutschen öffentlich-rechtlichen System liegen die jährlichen Erträge aus dem Rundfunkbeitrag bei rund 8 Milliarden Euro. Frankreich spart also nicht nur an einem Sendernetz, es spart an dem, was dazu nötig wäre, um dieses Netz dauerhaft modern, sichtbar und glaubwürdig zu halten.

Genau hier beginnt das eigentliche Problem. Der französische öffentlich-rechtliche Rundfunk steht nicht einfach wegen zu wenig Geld unter Druck. Er steht unter Druck, weil sein Auftrag aus dem analogen Zeitalter stammt, sein politischer Rahmen aus Misstrauen besteht und sein Publikum längst in eine digitale Welt abgewandert ist, in der lineare Sender nur noch eine Option unter vielen sind. Im April 2024 entfielen in Frankreich laut Médiamétrie bei den 25- bis 49-Jährigen nur noch rund 36 Prozent der Fernsehnutzung auf das lineare Fernsehen; bei den Jüngeren ist der Absturz noch deutlicher. Das heißt nicht, dass Inhalte verschwunden wären. Es heißt nur: Sie werden anders konsumiert, anders verglichen und gnadenlos schneller aussortiert.

Wer daraus ableitet, der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei erledigt, macht es sich zu leicht. Gerade in Frankreich zeigt sich, wie wertvoll unabhängige, nicht rein werbefinanzierte Medien in Krisenzeiten sein können. Während private Häuser stärker auf Reichweite, Clicks und Werbemarkt reagieren müssen, kann ein öffentlicher Sender investigativ arbeiten, Programme für Minderheiten anbieten oder regionale Berichterstattung sichern, die wirtschaftlich kaum rentabel wäre. Das ist keine romantische Verklärung, sondern der Kern des medienpolitischen Arguments: Demokratie braucht nicht nur Stimmen, sondern verlässliche Information, die nicht von der Logik des schnellsten Aufmerksamkeitsgewinns abhängt.

Aber auch die Gegenseite hat einen Punkt, und zwar keinen kleinen. Das Vertrauen in Medien ist in Frankreich seit Jahren fragil. Laut dem Reuters Institute Digital News Report 2024 geben nur 31 Prozent der befragten Franzosen an, den meisten Nachrichten zu vertrauen. Das ist ein bemerkenswert niedriger Wert für ein Land, dessen öffentlich-rechtlicher Rundfunk sich gern als Stabilitätsanker versteht. Wer in einem solchen Umfeld zusätzliche Mittel fordert, muss erklären, warum der Apparat besser wird und nicht nur größer. Genau daran hapert es oft. Denn so wichtig der Auftrag ist: Ein System, das in Gremien, Zuständigkeiten und Marken zersplittert bleibt, erzeugt nicht automatisch mehr Qualität. Manchmal erzeugt es vor allem mehr Selbsterhaltungstrieb. Ein Klassiker staatlicher Rundfunkbiotope: Man verteidigt die Struktur, weil man den Zweck ja eigentlich schon für erledigt hält.

Die neuere politische Offensive gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist deshalb auch eine Debatte über Glaubwürdigkeit. Rechte Kritiker wie Alloncle setzen auf ein Publikum, das staatsnahen Medien grundsätzlich misstraut. Linke und liberale Verteidiger halten dagegen, dass gerade in polarisierten Zeiten ein starker öffentlicher Rundfunk nötig sei. Beides stimmt nur halb. Ja, ein öffentlicher Rundfunk ist nötig. Nein, er wird nicht automatisch besser, wenn man ihn bloß gegen Angriffe abschirmt. Frankreichs System leidet nicht nur an Geldmangel, sondern an einem Legitimationsmangel: Viele Bürger sehen nicht mehr klar, wofür sie es genau bezahlen sollen, wenn die Angebote im Netz gegen internationale Plattformen, starke Privatmedien und soziale Netzwerke antreten müssen.

Eine wenig beachtete Pointe liegt darin, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk gerade dort besonders wichtig wäre, wo er am schwächsten geworden ist: bei jungen Zielgruppen und regionaler Öffentlichkeit. France 3 etwa gilt zwar traditionell als regionale Stimme, doch die lineare Nutzung sinkt seit Jahren. Gleichzeitig verschwinden lokale Redaktionen in vielen Medienmärkten, private Regionalzeitungen kämpfen ums Überleben, und digitale Plattformen belohnen eher Empörung als Einordnung. Genau hier hätte ein moderner öffentlich-rechtlicher Rundfunk einen klaren Auftrag. Nur: Er muss ihn auch sichtbar erfüllen. Wer in der App wie auf der Fernbedienung bloß ein weiteres Programmfenster anbietet, hat das Digitalproblem nicht gelöst, sondern nur neu verpackt.

Die unbequemste Wahrheit lautet deshalb: Frankreich braucht nicht weniger öffentlich-rechtlichen Rundfunk, aber vermutlich weniger öffentlich-rechtliche Selbstgewissheit. Wer ihn verteidigt, sollte nicht so tun, als sei jede Strukturreform ein Angriff auf die Demokratie. Und wer ihn attackiert, sollte ehrlich sagen, ob er wirklich mehr Medienvielfalt will oder einfach nur weniger unbequeme Konkurrenz aus öffentlichen Mitteln. Ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der seiner Zeit nicht gewachsen ist, wird nicht durch Pathos gerettet. Er muss beweisen, dass er in einer digitalen, fragmentierten und misstrauischen Öffentlichkeit mehr kann als Tradition verwalten. Sonst bleibt am Ende ausgerechnet jene Ironie übrig, die in Frankreich fast schon systemreif ist: Der öffentlich finanzierte Rundfunk wird nicht wegen seiner Schwäche verteidigt, sondern wegen der noch größeren Schwächen aller anderen.

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