Warum Europa Donald Trump so zornig macht | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Warum Europa Donald Trump so zornig macht

0 93

Donald Trump betrachtet Europa gern wie einen lästigen Kunden, der zu wenig kauft, zu viel fragt und sich dann auch noch an Regeln hält. Genau das macht den Kontinent für ihn so unerquicklich: Europa ist groß genug, um zu stören, aber zu eigenständig, um sich einfach umschreiben zu lassen. Für einen Präsidenten, der Politik häufig als Mischung aus Machtprobe und Verhandlungstheater versteht, ist das fast schon eine persönliche Kränkung.

Der Streit beginnt nicht erst bei Zöllen. Schon in Trumps erster Amtszeit wurde die EU für ihn zum Symbol eines Systems, das amerikanische Stärke angeblich ausnutzt. 2018 belegte die US-Regierung Stahlimporte mit 25 Prozent und Aluminium mit 10 Prozent Zöllen; die EU reagierte mit Gegenzöllen auf US-Produkte von Harley-Davidson bis Bourbon. Das war mehr als Handelspolitik. Es war die Nachricht, dass Europa nicht nur Markt, sondern auch Gegenmacht sein kann. Das ist im Trump-Kosmos ungefähr so beliebt wie ein lästiger Controlling-Bericht.

Besonders störend ist für ihn, dass Europa Regeln nicht als Nebensache betrachtet. Die EU hat mit dem Digital Markets Act und dem Digital Services Act zwei Instrumente geschaffen, die vor allem große Plattformen treffen. Die Kommission bezifferte allein im April 2024 die ersten formellen Schritte gegen Apple, Meta und Alphabet wegen möglicher DMA-Verstöße. Für Washington klingt das nach Bürokratie, für Brüssel nach Wettbewerbsschutz. Für Trump klingt es nach Angriff auf amerikanische Konzerne. Und ja: Wer die Hälfte der globalen digitalen Infrastruktur dominiert, empfindet Regulierung schnell als Beleidigung.

Dazu kommt ein Punkt, den viele unterschätzen: Europa ist für Trump nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein politischer Spiegel. Der Kontinent zeigt, dass Wohlstand, Sozialstaat und Regulierung zusammen funktionieren können, ohne dass alles in nationale Größe und Dauerkonflikt zerfällt. Das ist unbequem für eine Politik, die aus Stärke vor allem Lautstärke macht. Europas Exportüberschüsse, seine gemeinsamen Standards und seine Fähigkeit, auch gegen Druck bei Regeln zu bleiben, passen nicht zu Trumps Erzählung vom ewigen amerikanischen Opfer. Die EU war 2023 nach Angaben von Eurostat der zweitgrößte Handelspartner der USA; man kann das also nicht einfach als Nebenschauplatz abtun. Man kann es nur schlecht kontrollieren.

Natürlich gibt es auch die Gegenposition. Aus US-Sicht ist es nicht völlig absurd, wenn man europäische Regulierung als heimlichen Protektionismus liest. Die Wettbewerbsregeln sind streng, die Datenschutzanforderungen hoch, die Produktstandards oft so ausgeprägt, dass amerikanische Firmen eigene Rechtsabteilungen als Wachstumsbranche betreiben müssen. Und Trump trifft einen Nerv, wenn er sagt: Europa predigt offenen Handel, schützt aber den eigenen Markt mit Normen, Verfahren und endlosen Abstimmungen. Das Problem ist nur: Diese Diagnose erklärt nicht seinen Ton. Sie erklärt den Konflikt, nicht die Wut.

Der eigentliche Grund für Trumps Zorn ist weniger die EU als solche als die Zumutung, dass Europa sich nicht so verhält, wie er es von Partnern erwartet: loyal, dankbar, gefügig. Stattdessen setzt der alte Kontinent auf Regeln, Kompromisse und Gegengewichte. Das ist unglamourös, aber politisch wirksam. Europa ist damit genau das, was Trump am wenigsten mag: ein erfolgreicher Gegenentwurf zur Personalisierung von Macht. Keine große Pose, dafür Verfahrensrecht. Keine Unterwerfung, dafür Widerspruch. Für einen Mann, der Politik gern als Deal mit Siegerfoto sieht, ist das beinahe eine Existenzkrise.

Und vielleicht liegt darin die unbequeme Pointe: Europa ärgert Trump nicht, weil es schwach wäre, sondern weil es stark genug ist, sich nicht von seinem Lärm beeindrucken zu lassen. Wer ihn beruhigen will, muss nicht höflicher werden. Er müsste lernen, dass Regeln manchmal stärker sind als Drohungen. Genau daran scheitert seine Weltanschauung – und genau deshalb bleibt Europa für ihn ein Dauerreiz.

Weiterführende Links

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.