Ein Klaviertrio reist in die Vergangenheit, ein anderes Album hält den Blick auf eine Gegenwart aus, die lieber wegsehen würde. Genau darin liegt der Reiz dieser beiden neuen Veröffentlichungen: Martin Listabarth spürt der Wiener Weltreisenden Ida Pfeiffer nach, Mahan Mirarab erinnert an Jina Mahsa Amini, die 2022 in iranischer Haft starb. Zwei Alben, zwei sehr unterschiedliche Formen von Erinnerung. Und beide stellen eine unbequeme Frage: Was darf Jazz heute sein, außer gut gespielt?
Bei Listabarth geht es nicht um Museumsromantik. Ida Pfeiffer war keine dekorative Ausnahmefigur, sondern eine Frau, die im 19. Jahrhundert gegen die Regeln ihrer Zeit lebte: geboren 1797 in Wien, bereiste sie als eine der ersten Europäerinnen allein große Teile der Welt und veröffentlichte ihre Reiseberichte selbst. Das ist mehr als ein biografischer Kuriositätswert. Es ist ein Hinweis darauf, wie selten Frauen in den Geschichtsbüchern als handelnde Subjekte vorkommen, obwohl sie längst unterwegs waren, geschrieben haben, beobachtet haben. Wenn ein Jazztrio diese Figur wieder aufruft, dann geht es nicht nur um Klang, sondern um die Frage, wer überhaupt als abenteuerlich, mutig oder weltläufig gelten darf.
Mirarab setzt noch deutlicher auf Gegenwart. Jina Mahsa Amini wurde nach ihrer Festnahme durch die Sittenpolizei im Iran zum Symbol eines landesweiten Protests. Die UN-Menschenrechtsmission spricht von schwerer Gewalt im Zusammenhang mit ihrer Haft; ihr Tod löste eine Bewegung aus, die bis heute nachwirkt. Dass ein Musiker dieses Gedenken in ein Album übersetzt, ist kein bloßer Gestus der Betroffenheit. Es ist eine Absage an jene bequeme Idee, Kunst solle sich bitte schön aus der Politik heraushalten. Als ob Nicht-Einmischung neutral wäre. Sie ist es selten.
Natürlich kann man einwenden: Muss Jazz immer gleich Position beziehen? Reicht nicht schon, wenn ein Album musikalisch überzeugt? Ja, natürlich. Nur tut diese Haltung so, als wäre auch das Unpolitische nicht geprägt von Auswahl, Erinnerung und Auslassung. Wer eine historische Frau wie Ida Pfeiffer in den Mittelpunkt stellt, erzählt immer auch etwas darüber, welche Namen im Kanon fehlen. Und wer Jina Mahsa Amini erinnert, sagt etwas darüber, welche Gewalt erst dann sichtbar wird, wenn sie einen Namen bekommt. Das ist keine Nebensache, sondern der Kern gesellschaftlicher Kunst.
Interessant ist dabei ein fast widersprüchlicher Befund: Je persönlicher solche Alben werden, desto allgemeiner werden ihre Themen. Reise, Freiheit, Würde, Kontrolle, Mut – das sind keine Spezialeffekte für Feuilletons. Sie betreffen Alltag. Auch heute noch entscheiden Herkunft, Geschlecht und politischer Kontext darüber, wer reisen kann, wessen Stimme gehört wird und wessen Biografie als bedeutsam gilt. Insofern sind diese beiden Alben nicht bloß musikalische Produkte, sondern kleine Korrekturen an einem öffentlichen Gedächtnis, das sich gern für komplett hält.
Die Gegenposition verdient trotzdem Fairness: Nicht jedes Album muss zur Protestrede werden, nicht jede Referenz an eine historische oder politische Figur ist automatisch tief. Man kann solche Projekte auch als ästhetische Überfrachtung empfinden, als den Versuch, Musik durch Bedeutung schwerer zu machen, als sie sein müsste. Der Einwand ist berechtigt – vor allem, wenn das Konzept am Ende stärker klingt als die Komposition. Aber genau daran entscheidet sich die Qualität solcher Arbeiten: Wer Haltung behauptet, muss sie auch musikalisch tragen. Sonst bleibt nur Programmheft mit Becken.
Gerade deshalb lohnt der Blick auf diese beiden Alben. Sie zeigen, dass Jazz nicht erst dann relevant wird, wenn er laut, wütend oder belehrend ist. Relevanz kann auch heißen, eine vergessene Reisende und eine ermordete junge Frau nicht in getrennte Schubladen zu sperren, sondern beide als Prüfsteine einer Gegenwart zu hören, die sich gern progressiv nennt und doch erstaunlich viel ausblendet. Musik ersetzt keine Politik. Aber sie kann sehr präzise markieren, wo die Politik versagt hat.
Und vielleicht ist genau das der unbequeme Punkt: Wer von Musik nur Ablenkung will, bekommt hier keine. Wer aber bereit ist zuzuhören, merkt schnell, dass diese Alben weniger über Heldentum erzählen als über die Kosten von Freiheit. Das ist keine schlechte Nachricht für den Jazz. Eher eine für alle, die Kunst lieber harmlos hätten.