Ein kurzfristiger Absager auf dem Festivalplakat ist normalerweise eine kleine Katastrophe mit Papierrand. Diesmal trifft es das Donaufestival in Krems, nachdem The New Eves abgesagt haben. Statt eines einfachen Lückenfüllers steht mit Rún nun ein irisches Trio auf dem Programm, das Folk, Horror und Härte so verbindet, dass der Satz Ersatz fast schon wie eine Beleidigung klingt.
Genau darin liegt der interessante Punkt. Festivals verkaufen sich gern als Orte der Entdeckung, doch im Betrieb zählen vor allem Verlässlichkeit, Timing und die Fähigkeit, aus einer Programmkrise einen Gewinn zu machen. Rún sind dafür kein Notnagel, sondern eine ziemlich kluge Verschiebung: weg vom erwartbaren Indie-Folk mit sanfter Mystik, hin zu einer Form von Musik, die nicht tröstet, sondern Unruhe stiftet. Und Unruhe ist im kulturellen Betrieb inzwischen fast schon eine seltene Ressource.
Rún kommen aus Irland, einem Land, in dem Folk nie nur Folklore war. Die Tradition ist dort bis heute eng mit Sprache, Erinnerung, Kolonialgeschichte und politischer Selbstbehauptung verbunden. Das ist kein romantischer Umhang, den man sich bei Bedarf überwirft, sondern ein reales kulturelles Erbe. Wer irische Musik nur als akustische Gemütlichkeit liest, hat schon die halbe Geschichte verpasst. Gerade jüngere Acts ziehen daraus nicht den Schluss, die Tradition sauber auszustellen, sondern sie zu zerlegen, zu verdunkeln und zu elektrifizieren. Bei Rún wirkt das wie eine bewusste Verweigerung des Nettseins. Sehr gesund, wenn man ehrlich ist.
Gesellschaftlich ist daran mehr dran, als es auf den ersten Blick aussieht. Denn die große Sehnsucht nach authentischer Musik ist oft nur der Wunsch, Komplexität in hübsche Verpackung zu stecken. Folk darf bitte alt klingen, aber nicht verstören. Horror ist erlaubt, solange er dekorativ bleibt. Härte darf vorkommen, wenn sie sich gefällig in ein Sounddesign einordnet. Rún drehen diese Logik um. Sie erinnern daran, dass viele kulturelle Formen nicht entstanden sind, um angenehm zu sein, sondern um Verlust, Gewalt, Armut, Aberglauben und kollektive Erfahrung zu verarbeiten. Das macht die Musik nicht automatisch besser, aber ehrlicher.
Dass das Donaufestival ausgerechnet mit so einem Ersatz reagiert, passt erstaunlich gut zum eigenen Profil. Das Festival hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder als Ort für Reibung, Gegenwart und ästhetische Zumutungen positioniert. Wer dort nur die nächste hübsche Nische sucht, ist ohnehin falsch. Der Ausfall von The New Eves mag für manche ein Verlust sein, weil Publikumsmagneten nicht einfach austauschbar sind. Aber in der Praxis gilt auch: Ein gutes Festival ist kein Museum der Erwartungen. Es ist ein Testfall dafür, ob ein Programm mehr kann als die Summe seiner Vorab-Hypes.
Eine nüchterne Zahl hilft beim Einordnen: Laut dem österreichischen Musikbericht 2023 des BMKÖS lag der Anteil weiblicher Acts bei heimischen Festivals im Jahr 2022 deutlich unter dem der Männer; der Bericht verweist auf eine anhaltende Schieflage in Line-ups, auch wenn sich einzelne Bereiche verbessern. Exakt je nach Zählweise schwanken die Werte, aber der Befund ist stabil: Sichtbarkeit verteilt sich weiterhin ungleich. Gerade deshalb sind Acts wie Rún nicht bloß eine ästhetische Alternative, sondern auch ein Gegenbild zum üblichen Festival-Kanon, der sich gern modern gibt und doch oft erstaunlich alt wirkt. Wer Vielfalt will, muss eben mehr zeigen als nur die bereits bekannten Namen mit neuer Beleuchtung.
Es gibt allerdings einen blinden Fleck in der ganzen Begeisterung für dunklen Folk. Nicht jede Verfinsterung ist automatisch Erkenntnis. Ein Teil der aktuellen Szene lebt davon, dass Heidentum, Hexenbilder und Horror als stilvolle Chiffren kursieren. Das kann spannend sein, kippt aber schnell in einen Konsum von Wildheit, bei dem die sozialen und historischen Brüche nur Kulisse bleiben. Dann wird aus Widerstand bloß Atmosphäre. Schön düster, aber politisch zahm. Das Publikum nickt bedeutungsschwer, und nachher geht man doch wieder in die gleiche Komfortzone zurück, nur mit mehr Nebel.
Die bessere Lesart ist deshalb eine unbequemere: Rún sind interessant, weil sie nicht versuchen, den Folk zu reparieren. Sie legen seine Risse offen. In einer Zeit, in der Kultur oft entweder glatt kuratiert oder sofort als Statement verkauft wird, ist das fast schon altmodisch im besten Sinn. Hier wird nicht behauptet, Musik könne die Gesellschaft erlösen. Sie kann aber zeigen, wo die Oberfläche brüchig ist. Und genau das ist in einer Öffentlichkeit wertvoll, die sich gern an Reizarmut gewöhnt hat. Ein Festival braucht nicht immer den größten Namen. Manchmal braucht es den Act, der den Raum kurz kälter macht.
Am Ende ist die Absage von The New Eves also weniger eine Panne als ein Test. Das Donaufestival entscheidet sich mit Rún nicht für den bequemsten Ersatz, sondern für die spannendere Zumutung. Das ist klüger, als den Verlust bloß zu verwalten. Wer Kultur nur nach sofortiger Wiedererkennbarkeit bucht, bekommt eben den bekannten Durchschnitt. Wer dagegen Risiko zulässt, bekommt manchmal einen Hexenwald. Und der ist, bei allem Respekt vor der Bequemlichkeit, für ein Festival meist die deutlich bessere Nachricht.