Ein Vorstand wählt einstimmig den nächsten Mann an die Spitze, die Kameras klicken, die Formulierungen sitzen. Nur wirkt die Szene nicht wie Aufbruch, sondern wie Schadensbegrenzung mit sauber gebügeltem Hemd. Die einstimmige Wahl von Ernst Gödl zum neuen Klubobmann der ÖVP ist daher weniger ein Signal der Geschlossenheit als ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, wie angeschlagen die Partei nach dem Prozess gegen ihren bisherigen Klubchef ist.
Arbeitspsychologisch ist das sogar gut erklärbar. In Gruppen mit Druck steigt die Neigung zu sogenanntem surface harmony: Nach außen wird Einigkeit inszeniert, intern bleiben Konflikte aber oft ungelöst. Die Harvard-Managementforscherin Amy Edmondson hat seit Jahren gezeigt, dass Teams nur dann lernfähig sind, wenn auch Widerspruch möglich ist. Wo Kritik nicht sichtbar werden darf, wird sie nicht kleiner, sondern nur leiser. In der Politik heißt das meist: geschlossen vor die Kamera, nervös hinter die Kulissen.
Die ÖVP verkauft die Wahl von Gödl als Normalität. Doch Normalität wäre gewesen, dass nach einem belastenden Verfahren offen über Verantwortung, Rollen und Fehler gesprochen wird. Stattdessen gibt es den klassischen Reflex einer belasteten Organisation: schnelle Personalrochade, wenig Selbstprüfung, möglichst keine Risse im Bild. Das ist verständlich. Es ist nur kein Zeichen von Stärke.
Ein zweiter Blick macht die Sache noch unbequemer. Die Arbeitspsychologie kennt den Effekt, dass in hierarchischen Systemen Loyalität oft mit Leistungsfähigkeit verwechselt wird. Wer zu früh Fragen stellt, gilt schnell als Störfaktor. Genau darin liegt das Risiko einer Partei, die sich in Dauerkrise organisiert: Sie belohnt nicht unbedingt jene, die Probleme lösen, sondern jene, die sie elegant überdecken. Der neue Klubobmann kann dann sogar kompetent sein — aber er startet in einer Struktur, die vor allem Kontrolle, nicht Erneuerung belohnt.
Dass Führung nach außen stabil wirkt, sagt deshalb wenig über ihre innere Qualität. Das ist die etwas unbequeme Einsicht: Eine einstimmige Wahl kann auch ein Warnsignal sein. Nicht weil Einigkeit per se schlecht wäre, sondern weil echte Einigkeit etwas kostet — Zeit, Debatte, Konfliktfähigkeit. Wenn diese Kosten nicht sichtbar sind, ist meist nicht Harmonie erreicht, sondern Konflikt vermieden worden. Und vermiedene Konflikte haben in Parteien eine hübsche Eigenschaft: Sie kommen später zurück, nur teurer.
Man kann der ÖVP zugutehalten, dass sie nach einem Prozess nicht noch eine offene Führungsdebatte braucht. Doch genau darin liegt das Problem: Wer jede Erschütterung sofort mit geordneter Fassade beantwortet, produziert keine Stabilität, sondern Müdigkeit. Der politische Betrieb ist kein Team-Workshop, aber er folgt denselben psychologischen Regeln. Gute Führung hält Spannung aus. Schlechte Führung nennt Abwehr dann Geschlossenheit. Die ÖVP hat am Ende also nicht Stärke demonstriert, sondern vor allem eines: wie dünn ihr Spielraum geworden ist.
Die unbequeme Konsequenz lautet daher: Nicht die einstimmige Wahl von Ernst Gödl ist die eigentliche Nachricht, sondern die Tatsache, dass eine Partei sie überhaupt als Erfolg verkaufen muss. Wer innere Unsicherheit mit äußerer Geschlossenheit verwechselt, ist nicht handlungsfähig — nur diszipliniert im Zusammenhalten der Fassade.
Weiterführende Links
- Amy C. Edmondson: Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams
- Gallup: State of the Global Workplace 2024