Herbert Föttinger verlässt die Josefstadt: wirtschaftlich stark, künstlerisch zu vorsichtig? | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Herbert Föttinger verlässt die Josefstadt: wirtschaftlich stark, künstlerisch zu vorsichtig?

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Wenn an einem Theater am Ende vor allem über Auslastung, nicht über Wagnis gesprochen wird, ist das schon ein Befund. Das Theater in der Josefstadt hat unter Herbert Föttinger wirtschaftlich bemerkenswert stabil gearbeitet. Das ist in einem Markt, in dem viele Häuser mit teuren Produktionskosten, schwankendem Publikum und unsicherer öffentlicher Förderung kämpfen, keine Kleinigkeit. Gerade deshalb lohnt der nüchterne Blick auf die andere Seite der Bilanz: Kunst, die zu selten überrascht, wird auf Dauer teuer bezahlt.

Föttinger übernahm die Josefstadt 2006 und prägte sie fast zwei Jahrzehnte lang als Direktor, Regisseur und prägende Figur des Hauses. In Wien war das lange eine Erfolgsgeschichte mit klarer Handschrift: starbesetztes Repertoire, gut kalkulierte Abende, verlässliches Publikum, solide Einnahmen. Das Haus blieb im Gespräch, blieb voll und blieb, anders als so manch anderes Stadttheater, betriebswirtschaftlich kein Dauersorgenkind. In der Sprache der Kulturverwaltung ist das ein gutes Ergebnis. In der Sprache des Theaters ist es nur die halbe Miete.

Der Widerspruch ist bekannt, aber er wird in solchen Momenten gern weichgespült: Ein traditionsreiches Sprechtheater soll zugleich Publikum halten, künstlerisch riskieren, Nachwuchs fördern, Debatten anstoßen und die Marke schonen. Das ist viel verlangt. Trotzdem ist genau daran die Josefstadt zu messen. Denn ein Haus mit ihrer Geschichte und Reichweite hat mehr Aufgaben als bloße Selbststabilisierung. Es ist nicht nur ein Betrieb, sondern ein öffentlicher Ort. Und öffentliche Orte, die vor allem das bestätigen, was ihr Publikum ohnehin schon erwartet, erfüllen ihren Zweck nur teilweise.

Das Wiener Stadttheatermodell lebt von Subventionen, aber eben auch von Relevanz. Laut dem Kulturbericht des Bundes 2023 blieb die öffentliche Kulturfinanzierung in Österreich zwar hoch, doch zugleich zeigt sich ein strukturelles Muster: Häuser mit verlässlichem Abonnementpublikum sichern ihre Lage leichter, während künstlerische Erneuerung oft dort entsteht, wo ökonomischer Druck größer ist. Das ist unbequem, aber wichtig. Denn wirtschaftlicher Erfolg kann in der Kultur eine Falle sein: Er belohnt das Wiedererkennbare und bestraft das Unfertige. Genau deshalb wird ein Theater mit guter Bilanz nicht automatisch ein gutes Theater im weiteren Sinn.

Ein weniger offensichtlicher Punkt ist, dass konstante Auslastung selbst ein konservierender Mechanismus ist. Wer fast immer gut verkauft, muss sich nicht zwingend verändern. Die dramaturgische Versuchung lautet dann: lieber der sichere Abend mit vertrauten Namen als die Produktion, über die man sich zwei Wochen lang streitet und die in fünf Jahren noch nachwirkt. Das Publikum wird damit nicht geschont, sondern auf Geschmack in Wartestellung gehalten. Das ist kein Skandal, aber eine stille Verarmung.

Natürlich gibt es die Gegenposition. Man kann zu Recht sagen, dass ein Stadttheater nicht jeden Abend an die Grenzen gehen muss. Ein Ensemblehaus darf, ja muss auch populär sein. Es braucht Einnahmen, Wiedererkennung und ein Stammpublikum, sonst wird es zum pädagogischen Projekt ohne Resonanz. Und auch das ist richtig: Nicht jedes Theater muss sich mit jeder Premiere neu erfinden. In Zeiten knapper öffentlicher Mittel ist Verlässlichkeit kein Schimpfwort, sondern eine Voraussetzung. Wer das ignoriert, verwechselt ästhetischen Anspruch gern mit Budgetromantik.

Doch die Frage ist nicht, ob die Josefstadt unter Föttinger überleben konnte. Die Frage ist, welchen kulturellen Preis diese Form des Überlebens hatte. Wenn ein Haus über Jahre vor allem auf Sicherheit setzt, wird es für jüngere Regiehandschriften, für formale Reibung und für andere soziale Milieus schwerer zugänglich. Das ist langfristig heikel. Denn Theater, das nicht regelmäßig neue ästhetische und gesellschaftliche Adressaten gewinnt, altert nicht nur mit seinem Publikum, sondern mit seiner Vorstellung davon, was Theater sein soll.

Genau darin liegt die überraschende Pointe dieser Ära: Ihr größter Erfolg könnte zugleich ihre engste Grenze gewesen sein. Die Josefstadt wurde unter Herbert Föttinger effizient verwaltet, verlässlich bespielt und wirtschaftlich stabil gehalten. Aber Stabilität ist in der Kunst kein Endpunkt, sondern nur die Voraussetzung für Bewegung. Wenn nun ein Wechsel ansteht, sollte die Debatte deshalb nicht bei der Person stehen bleiben. Entscheidend ist, ob das Haus den Mut findet, aus der eigenen Bequemlichkeit auszubrechen. Denn ein Theater kann lange gut geführt sein und trotzdem seine Zukunft langsam verspielen. Das ist keine Tragödie. Es ist nur die viel österreichischere Variante davon: alles läuft, und genau deshalb passiert zu wenig.

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