Im Juni 2024 beschlossen die Nato-Staaten, die Verteidigungsausgaben erneut auf Kurs Richtung zwei Prozent des BIP zu halten. Klingt beruhigend. Ist es aber nur auf dem Papier. Denn die eigentliche Frage lautet längst nicht mehr, ob Europa mehr Geld für Sicherheit ausgibt, sondern wer im Ernstfall noch mit wem kooperiert. Ein Bündnis ist schließlich nur so belastbar wie die politische Laune der Mitglieder. Und die war in den letzten Jahren eher schwankungsanfällig.
Die Nato ist nicht kollabiert. Aber sie ist auch kein Naturgesetz. Die USA bleiben der militärische Kern des Bündnisses: Nach Nato-Angaben entfielen 2024 auf die Vereinigten Staaten rund 64 Prozent der gesamten Verteidigungsausgaben der Allianz. Das ist keine Partnerschaft auf Augenhöhe, sondern ein strukturelles Abhängigkeitsverhältnis. Solange Washington sicherheitspolitisch mitzieht, funktioniert das System. Wenn nicht, wird aus Europas Sicherheitsarchitektur schnell ein teures Provisorium mit guter PR.
Genau hier liegt das eigentliche Missverständnis: Viele tun so, als sei die Antwort auf eine brüchigere Welt einfach mehr Nato-Rhetorik. Doch in einer Phase, in der Allianzen weltweit zerfasernder, zweckgebundener und politisch unzuverlässiger werden, gewinnen kleinere, flexiblere Sicherheitsarrangements an Gewicht. Nicht als Ersatz für die Nato, sondern als zweite Ebene darunter. Wer nur auf das große Bündnis starrt, übersieht die praktische Arbeit, die Staaten heute wirklich absichert: Logistik, Rüstungskooperation, gemeinsame Ausbildung, Nachrichtenaustausch, Grenzsicherung, Cyberabwehr. Kurz: die unspektakulären Dinge, an denen Krisen entweder hängen bleiben oder eskalieren.
Dass das nicht Theorie ist, zeigen zwei sehr unterschiedliche Beispiele. Erstens der Westbalkan: Mit der EUFOR-Mission Althea hält die EU seit Jahren militärische Präsenz in Bosnien und Herzegowina aufrecht; die Mission wurde 2024 mit bis zu 1.100 Soldatinnen und Soldaten erneut verlängert. Das ist wenig glamourös, aber strategisch vernünftig. Zweitens Moldau: Das Land wurde 2024 von der EU mit einer neuen Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft enger angebunden. Nicht, weil Chisinau plötzlich ein militärischer Schwergewichtspartner wäre, sondern weil Nähe in der Sicherheitspolitik oft mehr zählt als Größe. Wer an der Peripherie Stabilität schafft, verhindert, dass aus Randzonen Brandherde werden.
Hier steckt eine unbequeme Einsicht, die in Brüssel erstaunlich selten offen ausgesprochen wird: Sicherheit ist nicht nur eine Frage von Abschreckung, sondern auch von Lieferketten. Munition, Ersatzteile, Luftverteidigung, Drohnenabwehr, Kommunikationstechnik – all das entsteht in einem industriellen Geflecht, das man nicht auf Knopfdruck aktiviert. Die EU redet gern über strategische Autonomie, aber bislang ist sie in vielen Bereichen eher strategisch ambitioniert als strategisch lieferfähig. Das ist kein moralisches, sondern ein organisatorisches Problem. Und Organisation ist bekanntlich die Sache, an der große Projekte am liebsten scheitern.
Natürlich gibt es die Gegenposition. Die Nato bleibt das einzige Bündnis mit echter militärischer Schwerkraft, und gerade in Zeiten russischer Aggression wäre es töricht, sie kleinzureden. Das stimmt. Auch die EU kann das amerikanische Nuklearschirm- und Führungsversprechen nicht einfach nachbauen. Aber daraus folgt eben nicht, dass Europa auf ewig in derselben Abhängigkeit verharren sollte. Wer Sicherheit ernst meint, baut Redundanzen ein. Kein Unternehmen würde seine gesamte Produktion an einen einzigen Zulieferer hängen und dann hoffen, dass dieser auch bei politischem Gegenwind pünktlich liefert. Staaten tun das erstaunlich oft.
Deshalb braucht die EU rasch neue Sicherheitspartner: Norwegen und das Vereinigte Königreich für maritime und nordatlantische Fragen, Kanada für transatlantische Anschlussfähigkeit, aber eben auch Moldau, die Westbalkan-Staaten und gegebenenfalls Georgien dort, wo politische Realität und europäische Interessen noch zusammenpassen. Das ist keine romantische Erweiterungspolitik, sondern nüchterne Risikoabsicherung. Wer die Nachbarschaft stabilisiert, kauft sich Zeit, senkt Folgekosten und verhindert, dass die Sicherheitsrechnung später höher ausfällt. Und ja, das hat auch einen wirtschaftlichen Nutzen: Unsicherheit ist für Investitionen ein schlechterer Standortfaktor als jedes Strompreisproblem.
Das Fazit ist unbequem, aber schlicht: Die Nato ist nicht tot, doch Europa wäre fahrlässig naiv, weiter so zu tun, als sei sie automatisch verlässlich. Die EU braucht parallel ein Netz aus kleineren, harten, operativen Sicherheitspartnerschaften. Wer das nicht baut, wird im Ernstfall nicht von Bündnisgläubigkeit gerettet, sondern von deren Abwesenheit überrascht.