Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 5. Oktober 2022. Von GABRIELE STARCK. "Zum Beamen reicht’s nur selten" | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 5. Oktober 2022. Von GABRIELE STARCK. „Zum Beamen reicht’s nur selten“

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Österreich jubelt über den Physik-Nobelpreis. Doch es ist weniger die hiesige Bildungs- und Forschungslandschaft, als vielmehr die Persönlichkeit eines Anton Zeilinger, die so eine Auszeichnung möglich macht.

Einer von uns, einer aus Österreich. Die Freude ist groß, der Stolz ebenso, das gegenseitige Schulterklopfen der Verantwortlichen für Bildung, Wissenschaft und Forschung hierzulande aber erst einmal fehl am Platz.
Dass Anton Zeilinger mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet wird, ist zuallererst seiner Neugier und seinem Willen zu verdanken. Eigenschaften, ohne die bahnbrechende Errungenschaften nicht möglich sind. Über das Bekannte hinaus denken und vorgegebene Pfade verlassen – bequem ist dies nie und unbequem muss man vor allem sich selbst gegenüber sein, um so weit zu kommen.
Und dann, im zweiten Schritt, benötigt es ein Schul- und Universitätssystem, das diese Unabhängigkeit, diesen Freigeist zulässt und nicht nur lehrt, was die Lehre vorgibt. Davon sind Österreich und die EU derzeit allerdings weit entfernt. Generalisierte Kompetenztestungen in der Schule, eine zentralisierte Matura als Zeugnis für den Eintritt in eine konforme Erwachsenenwelt und ein Bologna-System, das Studierende an der Hand zu Akademikertiteln führt – eine Verschulung, die vor allem den Schwächeren zugutekommt, die Herausragenden aber bremst. 
Zeilinger hatte das Glück, an Lehrende zu kommen, die sein Potenzial erkannten und ihm den Freiraum ließen. Und er war mit seinem Interessengebiet zur richtigen Zeit am richtigen Ort: in Innsbruck an einer mittelgroßen Universität, wo er, wie er selbst einmal sagte, eine Gründerzeit erleben durfte und so u. a. mit dem Innsbrucker Peter Zoller den Grundstein für die weltweit beachteten österreichischen Erkenntnisse legte. 
So etwas wiederum öffnet die staatlichen Fördertöpfe und gar nicht nur jene für die Physik. Erfolge wie jene Zeilingers und seiner Innsbrucker Kollegen sowie deren gelungene Eigenvermarktung – man denke an Zeilingers erste Teleportation 1997, mit der er sich im öffentlichen Gedächtnis als Mr. Beam einbrannte – hinterlassen auch bei der Erstellung des Forschungsbudgets Spuren. Das haben die vergangenen Jahre positiv gezeigt. Allerdings ist noch immer sehr viel Luft nach oben, um in mehr als einem Bereich mit der Weltspitze mithalten zu können. 
Anton Zeilinger ist aber auch der Beweis, dass nicht vordergründig Universitäten eines Kalibers wie Harvard oder Cambridge notwendig sind, um Höchstleistungen zu erbringen. Voraussetzung ist, dafür zu brennen und sich die richtigen Förderer – sei es nun eine Institution oder eine Person –  zu suchen. Förderer, denen es nicht um die eigenen Meriten geht, sondern darum, dass auf dem schon Geleisteten noch Größeres aufgebaut wird.

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