Oö. Volksblatt: "Tragischer Held" (von Manfred MAURER) | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

Oö. Volksblatt: „Tragischer Held“ (von Manfred MAURER)

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Hätte es noch eines starken Symbols für das Platzen des europäischen Friedenstraumes bedurft, dann hat es Michail Gorbatschow mit seinen Tod geliefert. Sein Name ist für immer untrennbar verbunden mit der größten Chance, die dieser Jahrhunderte hindurch sinnlos mit Blut getränkte Kontinent hatte. Ohne „Gorbi“ keine Perestroika, kein Fall des Eisernen Vorhanges, keine deutsche Wiedervereinigung, ja, wohl auch kein EU-Beitritt Österreichs.
Zuoberst auf einer langen Liste der Meriten ist jedoch dieses Verdienst anzuführen: die Fähigkeit, sich pragmatisch der Realität zu beugen.
Gorbatschow war Dr. Jekyll, aber auch ein Mister Hyde, der Panzer in die abtrünnige Sowjetrepublik Litauen schickte. Wie Putin 31 Jahre später unterschätzte er den Widerstandswillen der Angegriffenen. Anders als der heutige Kremlchef riskierte Gorbatschow aber keinen Weltkrieg, sondern akzeptierte letztlich das Unausweichliche: den Zusammenbruch eines kaputten, nicht wirklich reformierbaren Systems.
Anders als Deutschland, wo auf den braunen Super-Gau eine Ära der Buße und Selbstreinigung folgte, vermied Russland nach dem Scheitern an sich selbst jede Selbstreflexion, sondern setzte auf einen, der Renaissance in alter Größe versprach. Das so programmierte neuerliche Scheitern ist der tragische Epilog zum Gorbatschow'schen Heldenepos.

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