„Am Schauplatz“: „Niemand soll es wissen“ | Brandaktuell - Nachrichten aus allen Bereichen

„Am Schauplatz“: „Niemand soll es wissen“

0 102

Wien (OTS) – Fast eine Million Menschen in Österreich hat Probleme mit dem Lesen und Schreiben. Was die wenigsten wissen: Rund die Hälfte davon hat Deutsch als Erstsprache. Darüber geredet wird kaum. Zu groß ist die Scham der Betroffenen. Viele verstecken ihre Schwäche ein Leben lang, in ständiger Angst, dass es jemand bemerken könnte. Doch wie kann es eigentlich passieren, dass man in Österreich neun Jahre zur Schule geht, Deutsch als Erstsprache hat und nicht lesen und schreiben lernt? „Am Schauplatz“-Reporterin Julia Kovarik hat sich für ihre Reportage „Niemand soll es wissen“, zu sehen am Donnerstag, dem 25. August 2022, um 21.05 Uhr in ORF 2, auf Spurensuche begeben.

Rund eine Viertel Million Menschen in Österreich kann bis auf einzelne Worte gar nicht lesen. So ging es auch der heute 34-jährigen Sandra aus Salzburg. Als sie mit 15 Jahren die Schule abgeschlossen hatte, konnte sie nur ihren Vornamen schreiben. „Wenn ich einen Text angeschaut habe, habe ich nur Punkte, Kugeln und Striche gesehen, die keinen Sinn ergeben haben.“ Sandra hat das viele Jahre verheimlicht, sogar vor ihrer Mutter. „Eine meiner beliebtesten Ausreden war, dass ich meine Brille vergessen habe“, erzählt sie. Wenn man nicht lesen kann, ist jede soziale Situation Stress. „Im Nachhinein muss ich sagen, zu vertuschen, nicht lesen zu können, war anstrengender, als lesen zu lernen.“ Seit sie selbst Mutter geworden ist, besucht sie einen Basisbildungskurs für Erwachsene.

Sophie ist sogenannte funktionale Analphabetin. Sie kann grundsätzlich lesen und schreiben, sobald aber ein Text lang ist, hat sie Probleme, den Sinn zu erfassen. So wie Sophie geht es rund 750.000 Menschen in Österreich. „Ich kann einfach nicht nacherzählen, was ich gelesen habe“, sagt Sophie. Wegen ihrer Leseschwäche hat sie Probleme, den Führerschein zu machen, und auch bei der Jobsuche. „Wenn man nicht gut lesen, schreiben und rechnen kann, wird man ausgelacht. Ich habe schon viele Freundschaften deshalb verloren“, erzählt die 31-Jährige.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at
(C) Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender. ORF

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.